Link zur Startseite

Der Herr der Flöten

Multiinstrumentalist Georg Gratzer haucht Holzblasinstrumenten aus allen Kontinenten musikalisches Leben ein.

Georg Gratzer © priv.
Georg Gratzer
© priv.

Um die Millenniumswende herum sorgte in Graz ein junges Sextett für Aufsehen, das in den folgenden Jahren die Jazz- und Folkszene in Österreich auf den Kopf stellen sollte. Mit so viel Energie, Temperament und raffinierten Arrangements wie „beefolk" surfte hierzulande zuvor noch keine Band durch ein dichtes Netz aus Jazz, Klassik, Tango Nuevo und oft nicht leicht zu lokalisierender ethnischer Gefilde.

So schnell wie der Name „beefolk" war auch jener des Holzbläsers Georg Gratzer in aller Munde, der mit seinem langjährigen Weggefährten, dem Geiger Klemens Bittmann, das virtuose Ensemble mit dem juvenilen Drive aus der Taufe hob. Die Gruppe „beefolk" ist mittlerweile weit übers Land hinaus bekannt, ja bis nach Island kamen die jungen Herren sogar, der Heimat ihres Posaunisten und Sängers Helgi Jonsson.

Mit dem Siegeszug der steirischen Vorzeigeband wurde aber auch der künstlerische Weg des Georg Gratzer immer interessanter. Denn abseits des Bienenschwarms war der diplomierte Jazzsaxophonist im Bereich der freien Improvisation und der ethnischen Musiken rege zugange. Vor allem der Komplexität der indischen Musik und ihrem jahrzehntelangen Einfluss auf den Jazz gilt bis heute sein Interesse. Das führte Gratzer sogar bis nach Bombay, zu dem wir heute ja Mumbai sagen, wo er beim berühmten Bansuri-Virtuosen Hariprasad Chaurasia in der Kunst des spirituellen Spiels auf dieser Bambusflöte unterwiesen wurde.

Die Beschäftigung mit anderen exotischen Instrumenten ließ da nicht lange auf sich warten. So spielt Georg Gratzer heute neben seinen angestammten Instrumenten auch eine ganze Reihe solcher, von denen wir gar nicht wissen, dass es sie gibt. Eine Reisblattflöte mit dem hübschen Namen Dizi zum Beispiel oder das fidele Hulusi, ein traditionelles Metallzungeninstrument, beides aus China. Ersparen wollen wir uns die Namen der Inkaflöte und einer zweireihigen Panflöte aus Südamerika, die der 30jährige Steirer noch so nebenbei beherrscht.

Mit „Amridan", einem vielschichtigen Quartett mit dem indischen Tabla-Spieler Raul Sengupta, findet Gratzer seinen ganz persönlichen Zugang zur indischen Musik und zur Möglichkeit, diese mit Jazz und abendländischer Idiomatik zu verbinden.
Unbefangener und ganz anders freilich geht's auf seinen beiden anderen musikalischen Baustellen zu. Worum es im „Trio de Janeiro" geht, will uns im Moment zwar nicht einfallen, richtig vielversprechend finden wir aber sein jüngstes Projekt mit dem etwas unhandlichen Namen „Caryfortstories", das Gratzer zusammen mit dem Gitarristen Thomas Mauerhofer als Duo „georg&thomas" betreibt und das so skurril wie virtuos interdisziplinär ist. Dem Vernehmen nach scheinen die beiden damit in London, wo auch die ganze Geschichte samt CD entstanden ist, ganz schön viel Spaß gehabt zu gaben.

Ethnische Zugänge wiederum findet der stille Musiker als virtuoser Saxophonist in der Balkanband des serbischen Bassisten und Komponisten Nenad Vasilic, der bisweilen tief nach seinen slawisch-musikalischen Wurzeln gräbt.

Bleibt noch der Jazz. Damit ist der Multiinstrumentalist Georg Gratzer immerhin auf zwei CDs des Jazztett Forum Graz zu hören, jener jazzmusikalischen Großformation, die mit ihren berüchtigten Workstations und suitenhaften Kompositionen ihres agilen Leiters Berndt Luef mit anhaltendem missionarischen Einsatz an der jüngsten Grazer Jazzgeschichte schreibt.

Otmar Klammer, Jänner 2008