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Professor des Jazz mit eigenem Zeitverständnis

Michael Kahr bringt vieles unter einen Hut und bleibt trotzdem immer der Qualität verschrieben.

Michael Kahr © priv.
Michael Kahr
© priv.

Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen. Nun, gereist ist der 1975 in Bruck an der Mur geborene Michael Kahr wahrlich schon genug und hat auch viel zu berichten. Einer sehr musikalischen Familie entstammend, genoss er zunächst eine klassische Trompetenausbildung an der Kunstuniversität Graz (KUG), die er mit Diplom abschloss. Durch den Pianisten Fritz Pauer motiviert, wechselte er dann zum Klavier und beendete das Klavierstudium ebenso mit Diplom. Soweit ist das alles noch nicht außergewöhnlich, hätte er nicht kurz vor Ende des Studiums beschlossen, Graz zu verlassen und einfach nach Köln zu gehen. Nach Köln deshalb, da seine damaligen Vorbilder John Taylor und Bill Dobbins an der Hochschule für Musik in Köln lehrten. Er spielte von Beginn an in Clubs und fühlte sich in der dortigen Szene schnell wohl.

Aber wer denkt, Kahr wäre nach seinem Deutschlandaufenthalt wieder nach Graz zurückgekehrt, der irrt. Kahr schloss sich nämlich dem „European African Jazz Orchestra" an und spielte daraufhin etliche Konzerte in Afrika und Europa. Engagements und Workshops mit Künstlern wie Karlheinz Miklin, Mark Murphy und Jay Clayton schienen aber Kahr nicht wirklich ausgelastet zu haben, da er „eigentlich eher aus Abenteuerlust" 2002 rasch nach Sydney aufbrach. Gänzlich unbekannt in der Szene, konnte er sich trotzdem schnell behaupten und spielte in unzähligen Jamsessions und tourte auch mit eigener Band. So nebenbei, denn Kahrs Tage dürften weit mehr als 24 Stunden haben, studierte er noch am Sydney Conservatorium of Music Klavier, Arrangement und Komposition, wobei er abermals einen Abschluss, nämlich einen Master of Music einheimste. „Ich habe die Zeit in Australien aber auch genutzt, um mich mancher musikalischer Zwänge der Unis zu entledigen", so Kahr.

Überhaupt ist Kahr einer, der Zeit seines Lebens gelernt hat, und der auch um die Theorie des Jazz keinen Bogen gemacht hat: „Mich interessieren immer mehr die musikalischen Querverbindungen. Sei es bei der Komposition oder bei den Arrangements." Ganz besonders angetan hat es ihm diesbezüglich der mehrfache Grammy-Gewinner Clare Fischer, der unter anderem für Prince, Michael Jackson und Paul McCartney arrangierte. Nun kann man sich ja für einen Musiker durchaus interessieren, aber im Fall Michael Kahr wurde es dabei gleich - erraten - eine Dissertation, die er Ende 2008 abschließen möchte. „Jazz hat für mich etwas Grenzüberschreitendes, genremäßig wie auch territorial. Es gibt im Jazz einfach keine Schranken", so Kahr, der sich, da mit einer Perserin verheiratet, auch mit der persischen Musik stark beschäftigt. Überhaupt ist Kahr vom Typ her eher ein analytischer Mensch, wie er von sich selbst sagt, nur beim Komponieren und Spielen seiner Musik kann er sich fallen lassen und offen sein.

Mit seinem Michael Kahr Quartett musste er aus Zeitgründen eine Australientournee für Anfang 2008 absagen, dafür tourt er in Österreich an der Seite von Marina Zettl mit der Band m&m, wobei die zweite CD im April 2008 in Wien präsentiert wird. „Ich habe kein Problem damit, auch mal kommerziellere Musik zu machen, solange das Niveau passt", sagt Kahr, der auch an der KUG Jazzklavier unterrichtet. Wie er es anstellt, bleibt wohl sein Geheimnis, aber neben all dem findet er noch Zeit, mit dem Baritonsaxophonisten Thomas Rottleuthner ein eher freieres Projekt namens „On Common Ground" zu betreiben und mit dem Gospel Chor Graz zu arbeiten. Wie viele Stunden mag er wohl haben, der Tag des Michael Kahr?

Christian Salentinig, Dezember 2007