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Das Leben als Vexierbild

Die Lyrik des Marcus Poettler

Marcus Poettler © priv.
Marcus Poettler
© priv.

Man müsste den Menschen Marcus Poettler zweiteilen. Teilen in den Ingenieur und Techniker Marcus Poettler, der in einem Planungsbüro für Elektrotechnik an Sicherheitsanlagen für Straßentunnel arbeitet. Und in den Lyriker Marcus Poettler, der mit poetischer Kraft, wohl dosierter Emotion und feinem Humor Bilderlyrik verfasst; dessen Sprache die Kraft besitzt, schon Bekanntes vor den Augen der Leser neu entstehen zu lassen; und der nicht zuletzt reflektiert und klug über seine Kunst und die Arbeit an ihr sprechen kann.

So eine Teilung wäre dem Lyriker Marcus Poettler natürlich nicht recht, denn der Lyriker, so der Mensch Poettler, könnte ohne den Techniker nicht existieren. „Das Schreiben ist der notwendige Ausgleich zur Naturwissenschaft. De facto versuche ich die Welt logisch zu verstehen und zu erklären. Alles, dem so nicht beizukommen ist, wird zu Lyrik."

Zu Lyrik, deren Ausgangspunkt oft genug erlebte Bilder darstellen. „Wenn ich malen könnte, würde ich diese Bilder malen." So aber durchlaufen sie in ihm einen alchemistischen Prozess, den Marcus Poettler als langwierig beschreibt: „Oft ist die Überschrift schon vor den ersten Zeilen vorhanden. Ich habe auch immer ein Notizbuch bei mir. Diese Zeilen müssen aber erst Wurzeln schlagen, später dann werden sie kultiviert".
Sehr lange schrieb der Poettler nur für sich und beschreibt die Erschaffung dieses „Konzentrats" Lyrik als Auslagerung. „Ich schreibe diese Dinge, damit ich sie nicht mit mir herumtrage." Die Natur, der Eros, flüchtige Begegnungen und immer wieder auch die Kunst und Leistungen anderer, die er - auch im Sinne einer Hommage - mit Aplomb und Tiefe zu transformieren versteht, halten so Einzug in seine Gedichte.

Diese Empfindsamkeit, gepaart mit humorvoller Ernsthaftigkeit, blieb nicht lange unbemerkt, und schon jetzt blickt der Dichter Marcus Poettler (geboren 1977) auf eine erstaunliche Karriere zurück: 2000 das erste Gedicht an ein Internetmagazin verschickt - es wurde veröffentlicht. 2003 vom Lyrikwettberwerb „Lyrik2000S" im deutschen Marl erfahren - auf Anhieb der zweite Platz. Dann Gedichte in den Zeitschriften „manuskripte", „Lichtungen", „Podium" veröffentlicht. 2005 den Literaturförderpreis der Stadt Graz erhalten. 2007 noch ohne eigenständige Veröffentlichung zum international besetzten „3 Tage Lyrik" im Literaturhaus eingeladen, wo u. a. Kapazunder wie Friederike Mayröcker lasen. Dort so beeindruckend aufgetreten, dass der Leykam-Verlag an ihn herantrat. Im selben Jahr ebendort den Gedichtband „fallen" veröffentlicht und dafür den Literaturpreis der Steiermärkischen Sparkasse erhalten.

Poettler: „Meine Lyrik soll keine Sprachkritik sein, sie ist auch definitiv nicht politisch. Ich verstehe sie als gehobene Unterhaltung." - Die als solche auch jenen zugänglich gemacht werden soll, die gerne auf diese Art unterhalten werden. Zum Beispiel mit Poettlers herrlich zweideutig betitelten Debüt „fallen", einer Werkauswahl von zwischen 2004 und 2006 entstandenen Gedichten. „Poettlers Erstling ist ein beachtenswertes Beispiel stilsicherer zeitgenössischer Metaphernlyrik", lobt etwa die Kritikerin Jelena Dabic und schreibt von „lakonischen, nach allen Seiten offenen, definitiv inspirierten Texten". Die, möchte man hinzufügen, jenen Teil des Lebens bis zur Essenz zu verdichten vermag, der vielen in seiner Vexierbildhaftigkeit entgeht oder unsagbar bleibt; nicht jedoch Marcus Poettler, auf dessen nächsten Gedichtband und somit Welteindampfung man getrost gespannt sein kann.

Christof Huemer, Dezember 2007