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„Das Leben ist pervers“ (*)

Andrea Stift gießt ihre Persönlichkeit in Worte

Andrea Stift © priv.
Andrea Stift
© priv.

Zum Glück ist Persönlichkeit keine Frage der Nachfrage. Erfolg hingegen beruht oft genug darauf, dass man sein Angebot billig hält; und wer unter seinem Angebot nun mal die eigene Persönlichkeit versteht, wird sich als Billiganbieter kaum über Qualität Gedanken machen müssen.
Auf den Literaturbetrieb gemünzt bedeutet dies auch: Ausstrahlung kann man nicht drucken. Dass man sie sich jedoch sehr wohl beim Lesen spüren lässt, dafür wird man in der Steiermark kaum ein besseres Beispiel finden als die Autorin Andrea Stift; und sollte einem dies selbst beim Lesen ihrer Texte entgehen, dann ergibt dieses Porträt doch tatsächlich Sinn.

Andrea Stift gehört zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten unter den steirischen LiteratInnen. Wer sich mit Relativierungen wohler fühlt, möge sich ein „trotz ihrer Jugend" (Jahrgang 1976) dazu denken, es muss aber nicht sein. Andrea Stift - verwandt mit der Literatin Linda Stift, und die beiden Cousinen verstehen sich blendend - sagt im Gespräch Sätze wie „Nicht mitfühlende Dummheit macht mich krank" oder: „Ich donnere den Menschen ihre Blödheit vor den Latz". Dies meint sie genau so, es lässt sich anhand ihrer Texte überprüfen, und wenn sie ihr Schreiben mit als Therapie versteht, dann fernab vom Klischee des sich im Kleinleid eingemilbten Dichterseelchen.

Insofern Haltungen und Stil also das Wesen der Schreibenden spiegeln - und hier kriegen wir die Kurve - lässt sich Ausstrahlung also doch drucken; es ist ein Glück, wenn man sie hat, ihr Besitz widerspricht aber nicht dem Prinzip „Harte Arbeit an sich" beziehungsweise dem Text; und dass sich diese Gemengelage durchaus mit Erfolg verträgt - siehe Andrea Stift, die gerade den 3. Platz beim Marlene-Haushofer-Literaturpreis gewann und seit 2004 so gut wie jeden Förderpreis und jedes Stipendium erhalten hat.

Handwerk oder Kunst? Diese Frage nach dem Selbstverständnis kommt natürlich. „Kunst", sagt Andrea Stift ungelogen, meint damit ihr Sprachgefühl, meint damit Stil, beides Rüstzeug, mit dem sie sich häufig und gerne in die Vergangenheit wendet. „Reben", ihr erster Roman (Kitab-Verlag) zeichnet das Leben ihrer Urgroßmutter Anna, die verstarb, bevor Andrea Stift zur Welt kam. „Das Leben meiner Urgroßmutter besaß eine einzige Konstante: den Weinbau. Alles andere veränderte sich oder verging. Trotzdem war weder ihr Temperament noch ihr Lebenswille jemals zu bremsen." Den letzten Satz bitte genau so auf Andrea Stift (zwei Kinder) anwenden, die von ihrer Cousine Linda so charakterisiert wird: „Ironie und Zynismus sind ihr wichtige Kategorien, mit denen sie unbekümmert und gekonnt arbeitet. Sie schreibt nicht lange um den heißen Brei herum und spart auch nicht mit der nötigen Brutalität." - Letzteres vielleicht ein Erbe ihrer Vorbildern: Elfriede Jelinek („Ich würde wahrscheinlich niederbrechen vor ihr.") und - Stephen King.

Momentan liegt renommierten deutschen und österreichischen Verlagen Stifts zweiter Roman vor, „Zusammen leben": „Er handelt vom WG-Leben, dem Mikrokosmos, den so eine Wohngemeinschaft abbildet. Und von Sex, Drogen und Rock'n'Roll." Die Ereignisse und Wendungen nimmt Stift dabei einmal mehr nicht aus ihrer eigenen Vergangenheit, sie sammelt stattdessen „Stimmen und Anekdoten", die sie „episodenhaft und düster" rund um zwei Lebensweisheiten formt: „Das Leben ist pervers". Und Lebensweisheit zwei: „Die richtige Distanz zu anderen ist ungeheuer wichtig." Privat steht für die Literatin im Mai 2008 eine Heirat an. Das künftige Ehepaar lebt getrennt, in Wien und Graz.

Christof Huemer , Dezember 2007

Andrea Stifts Roman mit dem Arbeitstitel „Zusammen leben" erschien 2008 unter dem Titel „Klimmen" im Kärntner Wieser Verlag.
Seit 2009 unterstützt die Autorin Herausgeber Alfred Kolleritsch bei der Redaktion der renommierten Literaturzeitschrift „manuskripte". Im Februar 2011 hat sie gemeinsam mit Andreas Unterweger im Verlag Droschl den Sammelband „Das schönste Fremde ist in Dir" zu Kolleritschs 80. Geburtstag herausgegeben - mit Beiträgen von Elfriede Jelinek, Peter Handke, Friederike Mayröcker u.v.a.m.

Andrea Stift schreibt regelmäßig in der literarischen Rubrik „Exit Graz" der Stadtzeitung „G7", die in Graz der „Kleinen Zeitung" beiliegt, weiters veröffentlicht sie im Feuilletonmagazin „schreibkraft" und in der „Wiener Zeitung".

2011 wird im Rahmen des Retzhofer Dramenpreises das Theaterstück „Tollwütig" fertig gestellt, außerdem erscheint „Auf Watte", Andrea Stifts dritter Roman.

Blog: Externe Verknüpfung http://www.andreastift.at


Werner Schandor, Februar 2011