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Die fraktalen Ostereier (*)

Der Schriftsteller Clemens J. Setz und der große Pool der Worte

Clemens Setz © Lukas Beck / Residenz Verlag
Clemens Setz
© Lukas Beck / Residenz Verlag

Der erste Eindruck bei der Lektüre ist derselbe wie später im persönlichen Gespräch: Der Mann ist Jahrgang 1982, seine Sprache aber ist die eines älteren, erfahrenen, ungemein belesenen Menschen. Die Literatur von Clemens Setz ist voller Verweise, Verstecke, Varianten. Schon als kleines Kind bat er, man möge doch seine Wortspiele aufschreiben. Heute weiß er, dass er als Schriftsteller leben will, auch wenn ihn seine Umgebung im Übermaß vor den Risken dieser Berufsentscheidung gewarnt hat. Setz studiert zwar Lehramt an der Grazer Uni, zweifelt aber stark daran, ob er wirklich geeignet sei, junge Menschen mit den Mysterien der Germanistik und Mathematik vertraut zu machen.

In seinem Buch „Söhne und Planeten", das vor wenigen Monaten erschienen ist, ändern sich die Formen, Sprachstile und Perspektiven mehrmals im Verlauf der Handlung. Setz selbst spricht von vier Erzählungen, die keine klassische Kapitelstruktur ergeben. Eigentlich hatte der Autor vor, eine Sammlung von Shortstorys zu veröffentlichen, sein Verlag wollte als Debüt dann aber doch lieber etwas, das man unter dem Signet „Roman" verkaufen konnte. So entstand in einem knappen halben Jahr eine Auseinandersetzung mit jungen und gealterten Schriftstellern, mit gescheiterten Vätern und ihren entsprechend enttäuschten Söhnen. Die Geschichte ist rückwärts erzählt, wobei Setz die Idee reizvoll findet, die vier Teile wiederum in umgekehrter Reihenfolge zu lesen.

Der Mikrokosmos, den der junge Grazer schildert, ist einer der Dichter und Denker. Eine mehrmals wiederkehrende Szene beschreibt denn auch ein Schriftstellertreffen rund um einen Swimmingpool. Zudem kommt es zu einer Reihe von Metamorphosen, die nicht zufällig auf Kafka Bezug nehmen:

„Mein Gott, der Kopf! Er war so schwer - jetzt erst, als er die ersten Zeilen zu lesen begann, wurde ihm bewusst, dass er ihn überhaupt nicht mehr richtig gebrauchen konnte. Ständig fiel er vornüber zwischen die Buchseiten und stieß sich Nase und Stirn. Er war ein Monstrum! Ein Monstrum, das bei Anstrengung schrumpfte und wuchs, wenn es las. Er hatte sich in eine Allegorie seiner selbst verwandelt."

In den bisher publizierten Rezensionen zu seinem Debüt, die Setz bis auf die allererste übrigens noch nicht gelesen hat, werden zu Recht der sprachliche Reichtum und der lustvolle Umgang mit Literatur gelobt. Das Buch hat seine verwirrenden, manchmal auch verworrenen Passagen, es engt allerdings bei der Lektüre nie ein, sondern fördert Assoziationen. Dass die Leser eine Stelle herausnehmen und diese weiterdenken könnten, ist eine Vorstellung, die Clemens Setz gut gefällt. Er selbst spricht von Fraktalen: „Diese Formen haben die Idee, dass sie als Teil aussehen wie das große Ganze. Ich habe also oft kleine Geschichten, die in ihrer Struktur fast wie der ganze Roman sind. Man merkt es nicht unbedingt, aber es sind im Text viele fraktale Ostereier versteckt."

Sein nächstes Werk, an die 700 Seiten stark und mit dem Arbeitstitel „Die Frequenzen", wird Setz in wenigen Wochen abschließen. In gebundener Form aber wird es wohl erst im Jahr 2009 vorliegen. Denn vor dem Buchhändler kommt auch bei Jungautoren immer noch der gewissenhafte Lektor.

Clemens J. Setz: „Söhne und Planeten", erschienen 2007 bei Residenz.

Wolfgang Kühnelt, Dezember 2007

 

 

In den vergangenen drei Jahren etablierte sich Clemens J. Setz als einer der wichtigsten deutschsprachigen Nachwuchsautoren.2008 erhielt er im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettlesens den Ernst-Willner-Preis. Im selben Jahr erregte seine Übersetzung von John Leakes „Entering Hades" unter dem Titel „Der Mann aus dem Fegefeuer" Aufsehen - ein Roman über das Leben des Mörders Jack Unterweger. Im Herbst 2009 schaffte es Clemens Setz‘ zweiter, hochgelobter Roman „Die Frequenzen" schließlich nicht nur auf die Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises, das Buch wurde auch mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen ausgezeichnet. Im Jahr darauf, 2010, wurde sein erstes Theaterstück, „Mauerschau" im Schauspielhaus Wien uraufgeführt.

Nach seinem Verlagswechsel von Residenz zum Suhrkamp-Verlag veröffentlichte Setz im Frühjahr 2011 den Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". Das Buch wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.


Werner Schandor, März 2011