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Spaziergang auf Solaris (*)

Herwig Holzmann produziert elektronische Musik, die viel besser zum Träumen als zum Tanzen taugt. Und manchmal ein wenig mit dem Teufel spielt.

Herwig Holzmann - photophob © priv.
Herwig Holzmann - photophob
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„Ich habe alles nur gespürt. Nichts habe ich gesehen", hat der polnische Autor Stanislaw Lem einmal auf die Frage geantwortet, wie denn seine Bücher, vor allem die phantastischeren unter ihnen wie „Solaris", entstanden seien. Die Sprache, hat Lem da erklärt, habe ihm dabei als „Baumaterial" gedient. Dieses Verfahren ist dem nicht ganz unähnlich, das Herwig Holzmann anwendet, um seine elektronischen Klangwelten zu generieren. Holzmanns Baumaterial ist die Musik, die er ausschließlich über Software entwickelt und unter eigenem Namen oder als „Photophob" auf CDs und vor allem im Internet veröffentlicht. Synthetische Sounds, dunkle Geräusche, Samples und Rhythmen, die er intuitiv zu vielschichtigen, melancholischen bis bedrohlich-dystopischen Mustern verdichtet, und die sich erst im Hörer zu konkreteren Bildern und Assoziationen entwickeln. „Soundtracks zu Filmen, die nie gedreht wurden", nennt er seine Stücke, die man am besten beim Spazierengehen höre, beim Tagträumen.

Cover © priv.
Cover
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Oft gibt der 1982 im oststeirischen Lebing geborene Holzmann das Genre der Filme und die Richtung, in die man beim Hören träumen könnte, aber auch vor - zum Beispiel, wenn er sein zuletzt auf dem Grazer Netzlabel „bruit" erschienenes Album schlicht „Lem" nennt. Um Science Fiction geht es immer wieder in Holzmanns Kosmos, seit der ausgebildete Informationsdesigner Anfang 2004 begonnen hat, selbst Musik zu produzieren. „Das hat mit einer ganz naiven Weltraumnostalgie zu tun", sagt er, mit einer Faszination für Pulp-Bilder, wie sie auf den Covern von Perry Rhodan-Romanen gedruckt werden. Und natürlich mit den Büchern von Stanislaw Lem, dem Holzmann schon einmal, im Jahr 2005, „fünf Oden" gewidmet hat.

Der Umfang des Werks, das Holzmann in wenigen Jahren geschaffen hat, ist jedenfalls beachtlich: Mit 15 kompletten Alben und fünf EPs, die er bereits veröffentlicht hat - in Summe 199 Tracks mit einer Laufzeit von mehr als 15 Stunden -, dürfte er, auch wenn das kaum bekannt ist, in der jüngeren Musikgeschichte einen einsamen Rekord halten. „Ich weiß auch nicht, warum andere so lange brauchen", sagt er. Sein Output hat nun aber weniger damit zu tun, dass er seine Tracks besonders schnell komponierte - ein Stück, sagt Holzmann, entwickle sich da schon einmal über ein halbes Jahr -, sondern vielmehr damit, dass er in seiner Freizeit praktisch nichts anderes tut, als am Computer zu sitzen, an mehreren Tracks parallel zu feilen, sie zu Alben zusammenzustellen, das Cover-Artwork dafür zu gestalten und sie im Internet zu verbreiten. Auch über sein eigenes Netzlabel „Laridae", das er gemeinsam mit dem Bayern Stefan Aigner und dem Wiener Bernhard Hansbauer betreibt, und das ebenfalls bereits auf 36 Veröffentlichungen verweisen kann.

„IDM" (Intelligent Dance Music) oder „Ambient" hat sich als Genrebezeichnung für die Art von Musik eingebürgert, die auf „Laridae" erscheint, und die Holzmann interessiert. So richtig passt dennoch keine der beiden Bezeichnungen auf seine Musik. Der fehlt nämlich das kitschige Pathos, das Ambient-Produktionen oft zu unerträglich oberflächlicher Supermarktmusik macht. Und auch als Tanzimpuls im Club ist die Musik nicht konzipiert. „Künstlername, Titel und Artwork sollen zusammen eine Stimmung ergeben, auf die man aufbauen kann." Das ist Holzmann wichtig. Wenn er also sein jüngstes Werk unter dem Pseudonym „Das Gritli Moser" veröffentlicht und damit auf das erste Opfer in Dürrenmatts Krimi „Das Versprechen" anspielt, dem Album außerdem den Titel „Cha-Cha-Cha with the Devil" und ein Cover mit einem zum Schrei verzerrten Rachen verpasst, kann man sich die musikalisch vorherrschende Stimmung ganz gut ausmalen. Hier wird zertrümmert, nicht aufgebaut. Tagtraum goes Breakcore-Albtraum. „Ich wollte einmal", sagt Holzmann, „etwas richtig Arges machen." Und auch das ist ihm gelungen, ganz intuitiv.

Informationen und Musik zum Download:
Externe Verknüpfung www.photophob.net
Externe Verknüpfung www.myspace.com/dasgritlimoser
Externe Verknüpfung www.laridae.at

Thomas Wolkinger , Dezember 2007

 

„Gut möglich, dass du überrascht sein wirst" heißt es auf der Website zu jenem Grazer Independent Thriller, den Herwig Holzmann 2010 mit Soundtrack und Score ausgestattet hat: „Licht in leeren Häusern" von Martin Kroissenbrunners.
Holzmann selbst ist seinem Faible für elektonische Tüfteleien treu geblieben. „Seit dem ARTfaces-Porträt habe ich kontinuierlich neue Musik produziert und über verschiedene netlabels veröffentlicht", sagt Holzmann. Das netlabel laridae.at, das Holzmann zusammen mit zwei Kollegen seit 2004 betreibt, ist inzwischen bei Release No 60 angelangt. „Damit sind wir definitiv Österreichs größtes, bzw. langlebigstes netlabel, nicht nur für den Bereich der elektronischen Musik."

Hermann Götz, März 2011

Herwig Holzmann © priv.
Herwig Holzmann
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