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Ausgespuckt von der Traummaschine (*)

Zweifel werden vernichtet, Wünsche kommen umgehend an den Absender zurück.

Gerald Hartwig © priv.
Gerald Hartwig
© priv.

Besuch im „Atelier 8010", das sich Gerald Hartwig mit KünstlerkollegInnen teilt: Ein Ladenlokal zwischen Teppichladen und Vorstadtbeisl. Dezemberkälte draußen in der Plüddemanngasse, der Verkehr fließt vorbei, herinnen tut ein Kanoneofen seine Arbeit. Hartwig hat Kaffee gemacht, der leicht schmeckt, aber direkt die Herzfrequenz triggert. Im ersten Raum des Ateliers lehnen drei großformatige Arbeiten an der Wand: Die Tableaus zeigen einfärbig kolorierte Zeichnungen von Alltagsszenen, versehen mit Dialogen, kryptischen Off-Kommentaren und Regieanweisungen - es sind Storyboards, angefertigt nach Fotos, die er in den USA gemacht hat. 10 Arbeiten für 10 Jahre in den Staaten,
10 künstlerische Skizzen für einen imaginären Film, der seine Zeit in den USA widerspiegelt.

Storyboards © priv.
Storyboards
© priv.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass Gerald Hartwig 2004 aus Los Angeles, wo er Film studierte, sich als Drehbuchschreiber und Regisseur versuchte und klischeegerecht in der Filmproduktion tätig war, nach Graz zurückkehren musste und sich völlig auf die bildende Kunst konzentrierte. Die Einreise in die USA ist nur mit Rückflugticket erlaubt, das aber konnte Hartwig nicht vorweisen, als er nach einem Heimurlaub in Europa in Kalifornien landete und ausgerechnet bei diesem Flug kontrolliert wurde. Die Handschellen klickten, einen Tag später saß der Grazer im Flugzeug zurück in die Alte Welt. Inzwischen sind drei Jahre vergangen, das US-Einreiseverbot dürfte aufgehoben sein, und Gerald Hartwig überlegt, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten bald wieder einen Besuch abzustatten. Schließlich denkt und träumt und schreibt er nach wie vor auf Englisch, und sowohl der Film als auch die Frage, wie Massenmedien unsere Wirklichkeitsauffassung beeinflussen, dominieren die Arbeit des 1973 in Graz geborenen Künstlers.

Ein ziemlicher Haberer
„Chunk O'Hunk" - frei übersetzt: „Ein Eck von einem Kerl" - heißt die 2007 vorgestellte Serie von mannsgroßen Actionpuppenkostümen wie für Barbies Ken, nur dass man sich mit Hartwigs Hunk-Sets in einen Aufreißer, einen Guru oder einen reinrassigen Prolo verwandeln kann - sofern man es übers Herz bringt, die kastengroßen Hunk-Pakete zu öffnen, um die enthaltenen Kostüme, Perücken und Accessoires zu entnehmen. „Dadurch würde man natürlich das Kunstwerk zerstören", fügt Hartwig an, der alle drei Charaktere in den Bildgeschichten zu „Chunk O' Hunk" sehr wandlungsfähig selbst verkörpert. Die Fotografin Anna Schnegg-Primus zeichnet für die Umsetzung der Hunk-Bildgeschichten verantwortlich. Gemeinsam mit seiner Partnerin vermarktet Gerald Hartwig auch Herrn Günter Anger, der sich 2006 bei jeder Gelegenheit in Graz als VIP aufdrängte, und der bei der letzten Nationalratswahl mit Sprüchen kandidierte wie: „Ihr für mich" und „Weil Ihr mich (besuchen) könnt".

Für Kritiker und Kunstdetektive tut sich allein bei den genannten Projekten ein Interpretationskosmos auf, in dem es um die Frage nach Identitäten, nach Größenverhältnissen, nach medialen Bedingungen und nach dem Warencharakter des Lebens und der Kunst gehen könnte. Hartwig würde das aber langweilen: „Ich halte nichts von einer intellektuell abgehobenen Kunst, wo man in den Rezensionen schon nicht versteht, worum es eigentlich geht. Ich finde es viel interessanter, wenn Leute einen direkten Zugang zu meiner Kunst finden. Die Betrachter sollen animiert werden, über das Gesehene nachzudenken und zu den tieferen Schichten vorzudringen."

In mehrere Schichten vordringen können auch die Besucher der begehbaren Installation „Vanitas der Wünsche oder Lucy von Turin", einem Tryptichon, in dem man vor zwei Bildern steht: Links die gemalte „Lucy", das 3,2 Millionen Jahre alte Gerippe eines Urmenschen, rechts eine Kopie des Turiner Grabtuchs, beide Bilder sind mit Sätzen versehen wie: „Listening to your mother but not admitting it" oder „Being considered extremely beautiful in other cultures". In den Seitenwänden sind zwei Briefschlitze angebracht, links kann man seine Wünsche deponieren, rechts die Zweifel: Die Zweifel werden im Reißwolf vernichtet, die Wünsche kommen umgehend an den Absender zurück. Immer wieder.

Weitere Informationen:
Externe Verknüpfung www.geraldhartwig.com

Werner Schandor, Dezember 2007

ChunkoHunk © priv.
ChunkoHunk
© priv.
Herr Anger © priv.
Herr Anger
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Vanitas der Wünsche © priv.
Vanitas der Wünsche
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Gerald Hartwig hat es in die europäische Kreativzentrale Berlin verschlagen. Dort arbeitet er an seinen Text-/Bildserien, er ist aber auch dem Medium Film treu geblieben: 2010 zeigte er im Arte Luise Kunsthotel den Kurzfilm „Spy Room". Bereits 2008 waren seine Arbeiten unter dem Titel „Quality products since 1973" in der Galerie art-Kratochwil in Wien zu sehen, im selben Jahr war er auch in der Gruppenausstellung „Famil & Friends" in der Galerie Komet in Berlin vertreten. Am Sektor der Plastik hat Hartwigs ironische Beschäftigung mit dem American Dream nach der Puppenserie „Chunk O'Hunk" seine Fortsetzung mit der Serie „Cowboys" erfahren. Es ist dies eine Serie von Menschenköpfen, die mit Kuhfell überzogen und Hörnern ausgestattet sind. Zu sehen unter anderem auf seiner nach wie vor gültigen Homepage Externe Verknüpfung www.geraldhartwig.com

Werner Schandor, Juli 2011