Link zur Startseite

„Ich war Beuys-Schüler bei Humboldt“

Karl Grünling geht es um künstlerische Bewusstseinsbildung

Karl Grünling © priv.
Karl Grünling
© priv.
Jemand, der aussieht wie Karl Grünling, kündigt vor Publikum den Auftritt Karl Grünlings an: „Karl Grünling wird Ihnen jetzt eine seiner Sekundenaktionen vorführen, und er wird jetzt gleich kommen." Und tatsächlich tritt sogleich Karl Grünling auf. „Das ist gar nicht so schwierig, denn gewissermaßen ist er ja schon da", erklärt mir Karl Grünling im Gespräch das Einleitungs-Prozedere seiner seit 2003 praktizierten Sekundenaktionen. Nach kurzer Konzentrationsphase zeigt der sich selbst darstellende Karl Grünling dann zumeist einen höchst banalen, vorzugsweise blauen Gegenstand und sagt eine Sentenz auf oder stellt eine Frage wie: „Wie sinnlos ist es, Vorstellungen von Sein und Nichtsein auf ein unfassbares Wirklichkeitskontinuum zu projizieren?" - Das war's dann auch schon wieder und hat nicht wehgetan, zurück bleibt im Allgemeinen das nicht unerheblich verunsicherte Publikum. Genau dieser Effekt ist angestrebt: „Innerhalb höchstens einer Minute durch eine absurde Handlung das Denken auszuschalten, um damit vielleicht einen Erkenntnismoment zu provozieren." Noch kompakter legte Grünling eine Sekundenaktion in der 03-Bar an, indem er eine blaue Seifendose öffnete und dazu „leer" sagte. Inzwischen führte er an die fünfzig Sekundenaktionen aus, die keine Titel tragen, aber nach Belieben von ihm selbst oder anderen nummeriert werden können.
17. Sekundenaktion, 2003, KunstWirtschaft © Erwin Posarnig
17. Sekundenaktion, 2003, KunstWirtschaft
© Erwin Posarnig
Luftgitarre, bei Open Gates im Steirischen Herbst 06, Festivalzentrum Künstlerhaus © priv.
Luftgitarre, bei Open Gates im Steirischen Herbst 06, Festivalzentrum Künstlerhaus
© priv.
Drucke u.a., April 2005 © priv.
Drucke u.a., April 2005
© priv.

Als er mit 16 Jahren aus Steyr nach Graz kam, fand er sich bald im Kreis von einigen „Grazer Lokalliteraten" und begann Gedichte zu schreiben. In der Folge „bin ich auch mit bildender Kunst konfrontiert worden, die in meinem Leben bis dahin überhaupt keine Rolle gespielt hatte", vielmehr, erzählt er, hätte er bis dahin gar nicht gewusst, dass es bildende Kunst gibt. Technisch waren die Freunde aus dem akademischen Umfeld „aber so gut, dass ich mir gedacht habe, das wird bei mir nix, da habe ich keine Chance". Irgendwie sei er daraufhin in den Underground abgetaucht.

Weil sich aber der kreative Drang als so stark erwies, begann er Graffiti anzubringen „von denen es heute zum Glück keine mehr gibt". Es folgte eine Reihe von „‘Kartonagen' in Ermangelung ausreichender Kohle für edles Material", stark beeinflusst von Kurt Schwitters' Reliefarbeiten und dessen disziplinübergreifender Arbeitsweise zwischen Malerei und Dichtung. „Danach wurde ich - via Fernkurs bei Humboldt - zu einem Schüler von Joseph Beuys". Der Fernkurs ist natürlich Fiktion. Wirklich dagegen habe ihn nicht eigentlich der Schaffensprozess bei Beuys interessiert, vielmehr ist es das groß angelegte ästhetische Konzept, das Leben und Welt des Menschen als Werk auffasst, an dem jeder mitwirkt. Kunst wird so zur „Verwirklichung von Freiheit" (Beuys) und „eigentlich geht es um Bewusstseinsbildung, während der das physische Kunstwerk sekundär ist" (Grünling).

Nach seiner Karriere als Gründungsmitglied des legendären Grazer Vereins FOND und nach dessen Auflösung im Jahr 1998 gründete Grünling im Jahr 2000 aUtOnOmE tRaNsPoRte. „aUtOnOmE tRaNsPoRte ist mein Einmann-Zuckerlgeschäft - das kannst du auch so schreiben -, nachdem ich es bisher nicht geschafft habe, im Grazer, geschweige denn internationalen Kunstmarkt wirklich Fuß zu fassen. Unter aUtOnOmE tRaNsPoRte transportiere ich mich einfach selbst, beispielsweise zu Ausstellungen, wofür ich mir Räume suche."

Seine Sammlung verschiedenster Stempel verwendet er als „Druckmittel", mit denen er Musterblätter gestaltet. Aufgrund des dominant formalen beziehungsweise ornamentalen Charakters dieser Blätter scheint jeder Informationsgehalt eliminiert zu sein, „was ja nicht stimmt, weil hier, wie im richtigen Leben, Überinformation eben zu Nullbotschaften führt". Und das wiederum ist veranschaulichte Informations- und Kommunikationstheorie.

Stadtschamane, bei Open Gates im Steirischen Herbst 06, Festivalzentrum Künstlerhaus © priv.
Stadtschamane, bei Open Gates im Steirischen Herbst 06, Festivalzentrum Künstlerhaus
© priv.
Anlässlich des 20. Todestages von Joseph Beuys gab Grünling 2006 mehrere Performances in seinem Atelier unter dem Titel Mein Beuys... Wie man dem blauen Hasen die Bilder erklärt, angelehnt an Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Berlin 1965). Den Kopf mit blauem Isolierband verklebt, nur eine kleine Mundöffnung blieb frei - Beuys selig hatte Blattgold verwendet -, erklärte er vor Publikum, das er nicht sehen konnte, einem dem Dürerhasen nachgebildeten Kunststoffding die Malerei von Karl Grünling, den Grund, warum der Hase gerade jetzt an diesem Ort diese Prozedur über sich ergehen lassen muss, und Karl Grünlings Verhältnis zu Joseph Beuys.

Wenn Beuys eine Zeitlang von irgendwelchen Agenten der Scharlatanerie bezichtigt worden war, war Angesichts dieser Performance von Karl Grünling jedenfalls keine Spur von Misstrauen bei den Zusehern auszumachen. Im Gegenteil herrschte konzentrierte Stille und Aufmerksamkeit, der Akt glich einer quasi sakralen Situation, die Grünling souverän bestimmte.

Wenzel Mraček, Dezember 2007

 

Mein Beuys … Wie man dem blauen Hasen die Bilder erklärt, 2006 © priv.
Mein Beuys … Wie man dem blauen Hasen die Bilder erklärt, 2006
© priv.