Link zur Startseite

Christiane Kalss (*)

Christiane Kalss © priv.
Christiane Kalss
© priv.

Andere hätten sich einfach einen Künstlernamen zugelegt. Nicht so Christiane Kalss. Die besteht darauf: „Christiane - nicht Christina, nicht Christine. Und Kalss - nicht Kals, nicht Kalls." - Da ist er auch schon, dieser locker-freche Tonfall, der in Kalss' Texten gleich ins Auge sticht. Und dabei zuweilen über die abgründige Seite ihrer poetischen Welt hinwegtäuscht. Das ist nicht Absicht, meint sie „ein bisschen Komik rutscht immer von selber rein". Gepflegtes Understatement, das ließe sie vielleicht gelten: „Ich schreibe, weil ich den Verdacht habe, dass ich es halbwegs kann. Wenn ich eine Tätigkeit finde würde, die mir mehr liegt als das Schreiben, würde ich nie wieder eine Zeile irgendwo hinkritzeln. Ich finde aber nichts."

Die Kindheit in Liezen war prägend. „Es gibt kein Theater, im Kino werden prinzipiell nur uninteressante Filme gezeigt, und ab Einbruch der Dämmerung sind alle Menschen von den Straßen verschwunden. Wohin, hab' ich nie herausgefunden." Wahrscheinlich, so Kalss, hätte sie unter erfreulicheren Bedingungen gar nie mit dem Schreiben begonnen. Sehr schade wäre das gewesen, denn Christiane Kalss, die bislang vor allem mit Prosa- und Lyrik-Veröffentlichungen in Zeitschriften wie „schreibkraft" oder „perspektive" aufgefallen ist, zählt zu den Entdeckungen der Jungdramatiker-Schmiede UniT. 2007 war sie zum Wettstreit um den Retzhofer Literaturpreis geladen, da wurde ihr jüngstes Stück „Friede auf Erden" vorgestellt: Eine durchaus böse Fiktion von einer Welt ohne Krieg, wo nicht Beschaulichkeit herrscht, sondern Langeweile. Auch dieses Stück ist übrigens ein Produkt der Bescheidenheit, denn die schönsten Textpassagen finden sich genau dort, wo der Zuschauer sie weder sehen noch vermuten würde: in den Regieanweisungen. Da sind Sätze wie: „Benedikt beginnt sich nun am Hals zu kratzen. Das hat er von seiner Mutter, diese Angewohnheit, aber das fällt jetzt nur uns auf, ihm selber gar nicht." Oder: „Das laute Klappern ihrer Schuhe, das am dünnen Gipsmantel der Ruhe herumhämmert, lässt sie unsympathischer wirken, als sie vielleicht ist."
Ganz bewusst (OK: Sie würde es wahrscheinlich nicht zugeben) wird von Kalss nicht nur die Welt, sondern auch das Theater ad absurdum geführt, während sie die putzigen Bilder, die sie auf die Bühne stellt, zunehmend als zynisch entlarvt: „Es soll halt ein bisschen so aussehen, wie Kindergartenkinder eine vollkommen glückliche Welt zeichnen würden, wenn man sie dazu zwingt."

Auch in den kommenden Jahren ist von Christiane Kalss eher Dramatisches zu erwarten. Und die eine oder andere Filmkritik, die der Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien nebenbei passiert. Doch nach ihren Lieblingsfilmen befragt, lässt Klass lieber ein Stück Selbstironie aufblitzen, als Geheimtipps zu verraten: „Wenn es darum geht, welche Filme ich am öftesten gesehen habe, dann liegen die ‚Sissi'-Trilogie und ‚Dirty Dancing' ganz weit vorne, aber wer gibt das schon gerne zu?!"
War hier schon einmal von Understatement die Rede?

 

Hermann Götz, Dezember 2007

 

„Außerdem ist sie Workshop-Profi" schreibt der Standard im Oktober 2010 über Christiane Kallss - anlässlich eines Besuchs bei den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters, an denen sie teilnahm. Kalss stellte sich dort in bewundernswerter Gelassenheit den Deutungs- und Urteilsversuchen prominenter Supervisoren. „Workshop-Profi" ist natürlich eine typisch journalistische Übertreibung, aber die Werkstattsituation dürfte der Dramatikerin doch nicht ganz fremd sein. Seit ihren einschlägigen Retzhof-Erfahrungen war Kalss u. a. zu den Autorentagen am Staatstheater Mainz eingeladen, auch für „Text trifft Regie" reiste sie in die Stadt am Rhein. Am Schauspielhaus Wien beteiligte sie sich an der Werkstatt „stück/für/stück". Dass begehrte Einladungen dieser Art in der Theaterwelt als bedeutende Auszeichnungen zu verstehen sind, ist klar, „echte" Preise gab's für Kalss ebenfalls: etwa den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena, den sie für „Drinnen" erhielt, oder das Kalss 2009 zugesprochene Dramatikerstipendium des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Vom Ministerium bekam sie zuletzt auch das „Startstipendium für Literatur". Christiane Kalss hat es sich verdient - obwohl sich mit Recht behaupten ließe, dass sie längst durchgestartet ist.

 

Hermann Götz, März 2011