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„Es brodelt im Kopf“

Sonja Harter will keinen schlechten Roman schreiben. Also „leiste ich mir weiterhin Lyrik“. Ein intellektueller Luxus – für das Lesepublikum.

Sonja Harter   © BIGSHOT/Christian Jungwirth
Sonja Harter
© BIGSHOT/Christian Jungwirth

Also wieder Lyrik. „Da habe ich kein schlechtes Gewissen, ob sie öffentlichkeitswirksam ist", sagt Sonja Harter. Und so wird es noch im Frühjahr einen neuen Gedichtband der 24-Jährigen geben. Zu erwarten sei kein radikaler Schwenk weg vom Vorgänger, dem von viel positiver Resonanz begleiteten Band „barfuß richtung festland" (2005), beruhigt Harter Anhänger ihrer nüchternen, bisweilen wehmütigen, aber selten trostlosen Sprache. Es wird aber auch keine einfache Fortsetzung. Sondern? Strukturierter (in einzelne Gedichtzyklen unterteilt), individueller (mit eigener Interpunktion) und erzählerischer („Mit dem Mut, mehr Wörter zu verwenden") kommt das neue Werk mit dem Titel „einstichspuren, himmel" daher, verspricht die Autorin. Die Ideen für die mit hoher Präzision gesetzten Wortkaskaden stammen aus einer umfangreichen Sammlung von Eindrücken. Gestern Urlaub in Indien, heute Arbeit in Österreich, morgen Lyrikfestival in Lateinamerika. „Ich bin ein sehr intensiver Mensch", beschreibt sie ihr Wesen. Man darf sich das auch als kreatives Chaos vorstellen. Harter: „Ich bin unglücklich, wenn alles voll organisiert ist." Stattdessen „brodelt es länger im Kopf".

Also Lyrik. Aber warum eigentlich? „Ich lese viele gute Romane. Da werde ich selbst keinen schreiben, der nicht so gut ist", begründet sie - abgesehen von kurzen Ausflügen Richtung Drama und Prosa - ihre Genre-Treue. Außerdem: „Meine Lyrik ist gut, so selbstgerecht bin ich." Das finden auch diverse Kritiker und Jurys. Ausgezeichnet mit dem Literaturförderungspreis 2003 und dem frauen.kunst.preis 2006, ausgestattet mit dem Literaturstipendium der Stadt Graz 2005, hat sich Harter binnen kürzester Zeit zu einer Fixgröße am heimischen Literaturhimmel hinaufgedichtet.

Also Lyrik. Aber wie kam's eigentlich dazu? Die Geschichte ist schnell erzählt, weil gerade und rasant wie eine Autobahn: Erste Kurzgeschichten im zarten Alter von sieben, acht Jahren. Mangels eigenen Computers musste damals der Nachbarsbub als Schreibkraft für Harters Fantasy-Storys herhalten. Dann Schülerzeitung mit ersten journalistischen Gehversuchen. Dann - und an dieser Stelle wird aus der Autobahn mit einem Mal ein Highway - dann kam der Erstkontakt mit „Nirvana", der Kultkapelle der frühen 1990er rund um Letal-Exzentriker Kurt Cobain. Die Folge: Harter beginnt während eines halbjährigen Aufenthalts in Kanada selbst Songtexte auf Englisch zu schreiben. Ein nachhaltiges Labor für die typisch reduzierte, rhythmische Sprache. In der Folge habe sie „so herumgedichtet" (Harter). Dann wieder Autobahn: Mit 17 Schreibwerkstatt, mit 18 erste Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift „Lichtungen". „Da hat mich Markus Jaroschka auf die Welt gebracht", erinnert sich Harter an ihre Anfänge in Graz. Dann Stipendium, Lesungen, das erste Buch. Ein Gedichtband.

Also Lyrik. Und sonst? „Ich bin eine leidenschaftliche Kulturjournalistin", sagt Harter, die seit Mitte 2007 als Redakteurin bei der Austria Presse Agentur (APA) beschäftigt ist. In Wien. Es war Liebe auf den zweiten Blick. „Diese Stadt habe ich nie mögen", erinnert sie sich. Immerhin sei Graz „ein toller Boden" - um anzufangen, Möglichkeiten auszuprobieren, zu publizieren, besser zu werden. Allerdings immer mit dem Manko, schnell einer Clique zugerechnet zu werden. „Hier gilt es ja schon als Statement, welche Veranstaltungen man (nicht) besucht", beschreibt die Exil-Grazerin die Szene in ihrer Heimatstadt. In Wien könne sich dagegen frei(er) bewegen. Und falls auch das zu eng wird? „Ein halbes Jahr New York oder Paris, das wär' was..."

Internet:
Externe Verknüpfung http://sonjaharter.homestead.com

 

Klaus Höfler, Jänner 2008