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Das Spiel mit den Möglichkeiten des Unmöglichen (*)

Über die „musikalische Architektin“ Joanna Wozny

Wozny Joanna © priv.
Wozny Joanna
© priv.

Musik zu schreiben, sei für sie nicht unbedingt ein einfacher Prozess, und nicht selten fühle sie sich fast an das Schaffen von Klängen gekettet.
Für die 1973 im polnischen Zabrze geborene und seit 1996 in Graz lebende Komponistin Joanna Wozny ist das Erarbeiten von Partituren ein sehr intensiver Akt, den sie aber zugleich für ihre psychische Gesundheit brauche, so Wozny.

Der Grund für dieses intensive Erleben des kreativen Prozesses liegt vielleicht darin, dass sie in Ihrer Arbeit nicht von abstrakten Strukturen oder einer außermusikalischen Idee ausgeht, sondern von der genauen visionären Vorstellung klanglicher instrumentaler Aspekte. Diese Klangvorstellungen stellen die Eckpfeiler ihrer musikalischen Architektur dar und bilden den Beginn eines sehr intuitiven Kompositionsprozesses. Die musikalische Form entsteht im weiteren Kompositionsprozess durch das frei gehandhabte Ausfüllen der zwischen diesen Säulen stehenden Zwischenräume. Wozny, die in erster Linie mit konkreten Instrumenten arbeitet, geht dabei oft von Klängen aus, welche die Möglichkeiten der Instrumente überschreiten. Diese auskomponierte Unmöglichkeit, einen Klang wirklich so wie in der inneren Vorstellung zu realisieren, lädt die Musik dabei mit einer - so Wozny - „gefangenen Energie" auf.

An das Publikum denke sie beim Schreiben Ihrer Musik - traditionell mit Papier und Bleistift - überhaupt nicht, den meisten Leuten sei es ja ohnehin egal, was man mache, sagt sie mit einer nicht zu überhörenden Spur Resignation über den Stellenwert Neuer Musik im öffentlichen Bewusstsein. Was sie jedoch wirklich ärgere, sei die Tatsache, dass es oft die schlechten Stücke seien, denen zugejubelt werde.
Es ist vielleicht diese bewusste und schonungslose Wahrnehmung unseres Umfeldes (und auch sich selbst gegenüber), die Wozny mehr ihrer Intuition vertrauen lässt denn überlieferten Regelwerken. So seien jene musikalische Traditionen oder die Gesetzmäßigkeiten, die im Verlauf der Musikgeschichte zu finden sind, für sie nicht wirklich von Bedeutung. Die Auswahl der als Keime fungierenden Basisklänge sowie der gesamte Kompositionsprozess ihrer Musik sind für Wozny nicht gesetzmäßig fortschreitend, sondern stark intuitiv geprägt. „Oft will ich gar nicht wissen, wie etwas genau gemacht ist", sagt die Komponistin, die in ihrer Arbeit keinen strengen Gesetzen folgt, sondern ihre Musik fast improvisatorisch ausarbeitet.

Auf die Frage nach Komponisten, welche sie faszinieren, nennt Wozny neben Namen wie Luigi Nono (Rhythmik) oder Salvatore Sciarrino (Klangfarben) vor allem Morton Feldman; jedoch weniger seiner Musik wegen, sondern weil sie von seinem individuellen Arbeitsprozess fasziniert ist.
Ob es ihre aktuelle Arbeit beeinflusse, dass sie in Katowice vor bzw. während ihres Grazer Kompositionsstudiums bei Gerd Kühr und Beat Furrer auch Philosophie studiert habe? - Kaum, meint Wozny, dazu seien diese beiden Gebiete einfach zu unterschiedlich. Lediglich die Präzision, mit der in der Philosophie die Sprache benutzt werde, finde auch in der Musik eine Entsprechung. Dieser Einfluss sei für ihre Arbeit jedoch nur von handwerklicher Relevanz, in inhaltlicher Hinsicht, da habe die Logik keine Gültigkeit mehr.

 

Robert Spoula, Dezember 2007

Klingende Erkenntnis

Über die Musik Joanna Woznys

Für Joanna Wozny ist Komponieren eine sehr persönliche Sache. Uraufführungen empfindet sie als etwas „sehr Intimes", sogar etwas fast „Exhibitionistisches". Die teils unangenehme Spannung, die sie dabei oftmals verspürt, rührt nicht zuletzt daher, dass sie bereits in der Zeit zwischen Fertigstellung und Uraufführung eine distanzierte Haltung zu ihrer Arbeit einnimmt, da sie „vielleicht nicht mehr hundertprozentig mit dem alten Ich konform" ist. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung und die scheinbare Suche nach Etwas ist in ihrem kompositorischen Schaffen hörbar. Das Gefühl einer stetigen energetischen Eigendynamik lässt einen auch beim Hören ihrer Stücke nicht mehr los. Es entsteht der Eindruck, eine Art „unbewegter Beweger" setzte die Töne an ihre einzig richtige Stelle.

Am Anfang des kompositorischen Prozesses stehen für Joanna Wozny meist die Instrumente, aus deren Möglichkeiten sie dann spezifische Klänge und Klangfarben entwickelt. Durch das Streben, an die Grenzen der Klanglichkeit zu gehen, ergeben sich sowohl sehr komplex strukturierte als auch klanglich hochdifferenzierte Stücke, die auch technisch an die Grenzen der Spielbarkeit gehen. So zeichnen sich ihre Stücke einerseits durch instrumen¬ten¬unspezifische Klänge und andererseits durch „Klänge, die sich sozusagen in Zwischenbereichen abspielen" aus. Extrem hohe und leise Töne in mehreren Abstufungen von sul ponticello bei Streichern oder eine ähnlich differenzierte Aufteilung von verschiedenen Überblasstufen sowie sehr kurze Multiphonikklänge bei Bläsern prägen beispielsweise ihr Trio „Spur der Welle" (2003). Dort arbeitet sie mit Beschleunigung, Verlangsamung und Periodizität. Auffällig ist die Flüchtigkeit der Töne, die scheinbare Unwichtigkeit der einzelnen Stimmen, die durch oftmals nur angespielte, kurz akzentuierte Töne oder schlicht durch pianissimo evoziert wird. In einem organischen Zusammenspiel von sich wiederholenden Figuren und einer wellenartigen Dynamik wird der Hörer auf komplexe, aber dezente und unaufdringliche Weise mitgenommen. Die Direktheit ist Joanna Woznys Stärke; auch hier hat man den Eindruck, jede Note, sei sie noch so differenziert und leise, muss genau dort sein, wo man sie hört.

Auf Regelsysteme und außermusikalische Sujets greift sie - wenn überhaupt - erst zurück, nachdem sie den Klängen die Freiheit gegeben hat, die sie brauchen, um sich zu entfalten. Dann werden diese „fertigen" Klänge teilweise mehrmals umgearbeitet oder es wird sozusagen in sie „hineingezoomt". Diesen Prozess kann man in ihren Kompositionen nachempfinden: ein paradoxes Gefühl von reflektierter Spontaneität lässt einen nicht mehr los, ist vielleicht die treibende Kraft ihrer Kompositionen.

Gerade dies kann man in ihrer „Musik für zwei Gitarren" (2005) gut nachvollziehen. Ein Stück, in dem die zwei Instrumente immer wieder offene Fragen zu stellen scheinen. Es ist ihr Tonfall, der uns ein Rätsel aus der Musik macht. Die spürbare Energie und Lebendigkeit trifft auf irgendetwas, das es ihr unmöglich macht, diese frei auszuleben. Sie wird immer wieder gedämpft, im piano gehalten oder abgebrochen. Doch die unterbrochenen Phrasen tauchen wieder auf, diesmal in veränderter Form, strebend ... wohin? Zu weiteren Wiederholungen? Das Prinzip der Repetition, maßgeblich von Morton Feldman inspiriert, spielt eine große Rolle in Woznys Schaffen. Das Gitarrenduo jedenfalls endet mit der Kombination zweier sich im Stück wiederholenden Phrasen bzw. Spieltechniken.

„Statisch und ruhig", „mehr in sich kreisend", so Joanna Wozny, fallen einige ihrer jüngeren Kompositionen aus. Nach einer umfassenden Beschäftigung mit Melodie und der Erforschung verschiedenster Spieltechniken geht es nun um das Durchleuchten von Klängen, wie und durch welche Parameter sie sich verändern. Wann fängt ein Klang an, ein anderer zu werden? Es geht ihr dabei um allerfeinste Nuancen, die wie kleine Pinselstriche auf einem Bild nicht sofort sichtbar sind, aber trotzdem existieren und zum Gesamteindruck beitragen. Blickt man auf die Partitur des Streichtrios „Surfacing" (2008), fällt sofort die reduzierte Verwendung von Spieltechniken auf. Dafür stechen lang anhaltende Flageolett-Töne ins Auge. Sie pendeln ständig zwischen 4- und 2-fachem piano hin und her, kommen aus dem oder gehen ins Nichts. Die Einsätze der gläsernen Klänge, nah am Steg gespielt, gehen ineinander über, sind nicht voneinander zu trennen, sind nur partiell durchsetzt von harten pizzicati- und gettati-Passagen. Das Muster der Klangschemata wiederholt sich mit rhythmischen Variationen, die Vielfalt der Klänge untersuchend. „Pausen sind auch Geschehen. Sie erklingen genauso wie die Musik", sagt Joanna Wozny über ihr Orchesterstück „Archipel" (2008). Die reduzierte Lautstärke und das stufenweise Leiserwerden der einzelnen Stimmen erheben die Pausen zu einem ebenbürtigen Parameter in der neu entwickelten Klangsprache. Während zu Beginn die extrem hohen Klänge der Streicher durch Glissandi und Tremoli variiert und mit Abwärtstonleitern, Tonrepetitionen und Trillern der Bläser sporadisch kombiniert werden, werden die Pausen im Verlauf des Stückes immer wichtiger. Sie werden analog zu den „statischen und doch veränderlichen" Akkorden immer länger. Der Eindruck eines Auf- und wieder Abtauchens entsteht, das an den Titel des Stückes erinnert: Archipel. Die Pausen, die Masse des Wassers, sowie die einzelnen Klänge, die Inseln, scheinen zu wachsen, anzusteigen.

Mit ihrer speziellen Art, sich der Klänge anzunehmen, die ihr Inneres hervorbringt, nämlich dem Prinzip der Wiederholung und Weiterentwicklung, gelingt es Joanna Wozny einen philosophischen Horizont aufzureißen. Durch die Abwendung von allem nicht Musikimmanenten erfährt der Hörer eine intensive Innerlichkeit, die durch ihre Authentizität und Direktheit fasziniert. Die kleinen Pinselstriche können, aber müssen nicht gehört werden, doch wird man angeregt, eine Sache, sei es die Musik, sei es ein Gedanke, von mehreren Standpunkten aus zu betrachten. Denn erst in der Auseinandersetzung mit mehreren Perspektiven, wie es ihre Musik tut, beginnt das (musikalische) Leben in all seinen Facetten zu leuchten.

 

Iris Mencke, Februar 2011

1973 in Zabrze (Polen) geboren

1992-99 Studium der Philosophie in Katowice

1996-2003 Kompositions- und Musiktheoriestudium an der Kunstuniversität Graz bei Gerd Kühr und Beat Furrer

2002-2003 zusätzlicher Kompositionsunterricht bei Younghi Pagh-Paan

2003 Diplom mit Auszeichnung

Joanna Wozny lebt als freischaffende Komponistin in Graz.


PREISE UND AUSZEICHNUNGEN (AUSWAHL)

1997 Stipendium der Stefan-Batory-Stiftung Warschau

2001 Musikförderungspreis der Stadt Graz

2004 Würdigungspreis der Kunstuniversität Graz

2005 Österreichisches Staatsstipendium für Komponisten

2008 Österreichisches Staatsstipendium für Komponisten
Andrzej-Dobrowolski-Kompositionsstipendium

2010 Erste Bank Kompositionspreis
SKE Publicity Preis

2010/2011 young composer in residence von PHACE | CONTEMPORARY MUSIC

2011 Dreimonatiges Auslandsstipendium des Landes Steiermark
Composer in residence in der Kunststation Sankt Peter in Köln

AUFFÜHRUNGEN (AUSWAHL)

Warschauer Herbst, Klangspuren Schwaz, Musikprotokoll Graz, Ultraschall-Festival Berlin, Wien Modern, Forum Neuer Musik des DLF Köln, Arnold Schönberg Center Wien, Radiokulturhaus des ORF Wien, Kulturzentrum bei den Minoriten Graz, Brucknerhaus Linz, Austrian Cultural Forum London

INTERPRETEN (AUSWAHL)

Klangforum Wien, Radio-Symphonieorchester Wien, Münchner Rundfunkorchester, Ensemble Courage, Ensemble PHACE, Ensemble Wiener Collage, szene instrumental graz, Ensemble PercussioNova, DOUBLE IMAGE, Trio EIS, artresonanz trio, Rüdiger Bohn, Martyn Brabbins, Ulf Schirmer, Sascha Armbruster



Iris Mencke, Februar 2011