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Poppige postmoderne Stationendramatikerin (*)

Gerhild Steinbuch füllt den Theaterraum mit ihrer poetischen Sprache

Gerhild Steinbuch © priv.
Gerhild Steinbuch
© priv.

Die zerbrechlich wirkende Gestalt, die sanfte, unaufgeregte Stimme und die immer freundliche, höfliche Art der Autorin Gerhild Steinbuch lassen nicht zwingend auf jene oft von seelischen Grausamkeiten verdunkelten Welten schließen, die sich in ihren Stücke auftun. Mit Dramen wie „kopftot", „Nach dem glücklichen Tag" oder „schlafengehen" gehört Steinbuch derzeit zu den vielversprechendsten JungautorInnen des deutschsprachigen Raums.

Die 1983 in Mödling geborene, auf dem Semmering und in Mürzzuschlag aufgewachsene Autorin hatte ihren ersten „Durchbruch" mit 20, also in einem Alter, da andere vielleicht gerade überlegen, vielleicht mit dem Schreiben zu beginnen. 2003 gewann sie nämlich den Retzhofer Literaturpreis für die erste Fassung ihres Stückes „kopftot", die Geschichte eines sexuell missbrauchten Mädchens, das sich in ihrer Traumwelt einen Fluchtraum baut, wo ihre tote Mutter wieder lebendig ist und ihr ein Bruder, den sie nie hatte, zur Seite steht.

Bereits mit 11 Jahren besuchte Steinbuch die Jugend-Literatur-Werkstatt von Martin Ohrt in Graz, über vier Jahre hinweg unternahm sie ihre ersten Versuche in verschiedenen Textgenres und veröffentlichte auch Texte in Tageszeitungen. Als Gerhild Steinbuch 2001 maturierte, war sie bereits alles andere als eine Anfängerin. Um aber auch etwas „Anständiges" zu studieren, inskribierte sie an der Grazer Uni Rechtswissenschaften. In Graz nahm Steinbuch auch an den UniT-Dramatikerwerkstätten" teil (dort entstand „kopftot") und belegte 2004 den Studiengang „Szenisches Schreiben", wo etwa Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg unterrichteten.

2004 gewann „kopftot" den ersten Preis des Stückewettbewerbs der Berliner Schaubühne. Im selben Jahr wurde die problematische Mutter-Tochter-Beziehung „Nach dem glücklichen Tag" in einer Inszenierung des damaligen Intendanten des Grazer Schauspielhauses, Matthias Fontheim, im „steirischen herbst" uraufgeführt. Das Literaturstipendium der Stadt Graz, das Stipendium der Hermann-Lenz-Stiftung und der Reinhard-Priessnitz-Preis folgten im Jahr darauf ebenso wie die Teilnahme an den 29. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Dann passierte, was in fast jeder erfolgreichen Künstlerbiografie in Graz irgendwann passiert: Steinbuch verließ die Stadt. Sie lebt seit 2006 in Wien. Im selben Jahr erhielt sie das Dramatikerinnenstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts und den „manuskripte"-Literaturförderungspreis. Seit Herbst 2007 ist sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Gleichzeitig machte Steinbuch noch einmal in Graz Station: Ihr Auftragswerk für den „steirischen herbst", „verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft", wurde in der Inszenierung ihres Wunsch-Regisseurs, Roger Vontobel, der 2006 auch Steinbuchs „schlafengehen" am Schauspiel Essen zur Aufführung brachte, am Grazer Schauspielhaus uraufgeführt.

„verschwinden" ist eine Antigone-Bearbeitung der 24-Jährigen, die uns in die heutige Welt von demagogischer Überalterung und Jugendwahn führt. Die Inszenierung Vontobels fand bei Kritikern wenig Anklang, die poetische Sprache Steinbuchs drang jedoch über alles, was sich auf der Bühne tummelte, hindurch.
Dabei sind Steinbuchs Stücke nicht gerade einfach auf der Bühne umzusetzen, wie sie selbst in einem Interview zugibt: „Ich mag es auch sehr gerne, wenn Sachen im Text stehen, die man nicht eins zu eins machen kann".

Das Faszinierende an Steinbuch bleibt sicher, dass sie schon sehr früh ihre ganz eigene, für jeden verständliche, dennoch poetische, nie plakative Sprache gefunden hat. Mit ihr macht sie die innersten, intimsten Vorgänge ihrer Figuren sichtbar. Kein Satz ist ohne Bedeutung, und nie wird der Rhythmus des Textes gestört. Formal erinnern ihre Stücke an das psychologische Kammerspiel oder neue Formen des Stationendramas. Eine Mischung aus ein bisschen August Strindberg, Sarah Kane und viel Popmusik, die Steinbuch auch während des Schreibens hört, wäre eine Annäherung an ihren derzeitigen Stil. Nur mit Vergleichen nähert man sich an Steinbuchs Stücke aber nicht an, dazu sind sie zu eigenständig.

 

Colette Schmidt, Dezember 2007  

„Berge und Täler mit Männern und Frauen" soll der erste Roman von Gerhild Steinbuch heißen. Für die Arbeit daran erhielt die Dramatikerin das Staatsstipendium 2009/2010 des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Was nicht heißen soll, dass Steinbuchs Arbeiten für die Bühne brach liegen würden: 2007/2008 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Im Februar 2008 wurde sie für ihr Stück „Menschen in Kindergrößen", das im Auftrag des Staatstheaters Mainz entstand, mit dem Autorenpreis der 4. Deutsch-Französischen Autorentage ausgezeichnet. Am Schauspielhaus Wien, das immer wieder eine gute Hand für vielversprechende Autoren beweist, wirkte Steinbuch in der Saison 2008/2009 als Hausautorin, das führte im Februar 2010 ebendort zur Uraufführung von „Herr mit Sonnenbrille" (Regie: Robert Borgmann) und im März zum Kurzstück „Vier Wörter für ein besseres Leben (Uraufführung im Rahmen der Serie „Die X Gebote", Regie: Daniela Kranz). Die Produktion war auch im Rahmen der Ruhrtriennale 2010 zu sehen. In die Welt der Prosa tauchte Steinbuch 2008/2009 auch als Stipendiatin der Prosawerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin ein. „Berge und Täler mit Männern und Frauen" werden davon Zeugnis ablegen. Eindrücke für den Roman könnte Steinbuch übrigens auch im Herbst 2010 gesammelt haben: als Stadtschreiberin im Tiroler Tourismus-Ort Kitzbühl.

Textbox, Februar 2011