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Die Welt in uns (*)

Mit Skepsis gegenüber allem, was vordergründig einfach erscheint, begegnet Lilly Jäckl sich und ihrer Umwelt.

Jäckl, Lilly © Dieter Puntigam
Jäckl, Lilly
© Dieter Puntigam

Der erste Eindruck ist verwirrend. Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in den verschiedensten Literaturzeitungen und im Netz, Drehbücher, Hörspiele, Videoinstallationen, Lese-Performances in Österreich und Deutschland - Lilly Jäckl scheut die verschiedenen Formen sprachlicher Umsetzung nicht. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht dabei jedoch nicht unbedingt das Spiel mit Formen, sondern das aufrichtige Interesse an Menschen und ihren Geschichten. Sie selbst sieht ihren bisherigen künstlerischen Werdegang daher eher pragmatisch und entspannt. „Ich habe Drehbuch studiert, sehe meinen Schwerpunkt im Film, andere Projekte haben sich halt so ergeben." Und dennoch ist ihr an der Aufklärung einiger Missverständnisse über das eigene Schaffen gelegen.


Lilly Jäckl ist 29, in Graz geboren, und lebt in Berlin. Sie ist Autorin und Regisseurin und arbeitet seit 1996 in einem Tempo an Texten, Filmen und Hörspielen, das man als äußerst konsequent bezeichnen könnte. Was sie auf jeden Fall in Bezug auf ihr bisheriges Oeuvre berichtigen möchte, ist der Eindruck, sie würde sperrige, schwer zugängliche Texte produzieren. Im Gegenteil. Ihr ist an der Klarheit gelegen, am Narrativen und an der Produktion eindringlicher Bilder.
Kein Zufall also, dass Jäckl mit „Sign O' Time" (1996-2005), einem ihrer ersten großen Projekte, über einen längeren Zeitraum hinweg die Entwicklung von rund 24 Jugendlichen filmisch begleitet. Schon hier manifestieren sich ihre wesentlichen künstlerischen Zugänge: Das Hinterfragen als Prinzip, das Interesse an den verschiedenen Facetten einer Situation oder einer Person, die aufrichtige Auseinandersetzung mit vermeintlich unbedeutenden Dingen, seelische Abgründe und Ausnahmesituationen. Da kann es dann schon passieren, dass sich, wie in ihrem Theaterstück „Psychopax" (2005), zwei Menschen im Traum treffen und nicht mehr klar ist, was real ist. Oder dass es im stakkatohaften Bewerbungsmonolog einer jungen Frau zu subtilen Überschneidungen zwischen der Sprache der NS-Zeit und der von einschlägigen Frauenzeitschriften kommt. Die ständige Polyphonie in uns selbst, unser eigenes Scheitern an der Wirklichkeit wird zur Disposition gestellt, aber nicht gewertet.
Lilly Jäckl wehrt sich daher auch vehement gegen den Begriff „gesellschaftskritisch" im Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Kritisch ja - aber ohne sich von der Gesellschaft abheben zu wollen. „Meine Wirbelsäule ist die Achse des Bösen", meint sie in Anspielung auf ihren Text „wenn die scheiterhaufen brennen an der achse des bösen", der vor kurzem in der Zeitschrift „Lichtungen" als ironische Stellungnahme zum Thema Terrorismus erschienen ist.

Auch mit Ildiko, der Protagonistin ihres gleichnamigen „Herzensprojektes", einem Drehbuch für einen Spielfilm, macht Jäckl indirekt die „Auflösung der vermeintlichen Identität" zum zentralen Thema. Die Hauptfigur erfährt auf einer Reise durch Deutschland, Österreich und Ungarn eine Reise zu sich selbst. Keine filmische Sozialstudie, sondern ein Roadmovie, in dessen Mittelpunkt ein Mensch in einer Ausnahmesituation steht.

Weitere Informationen unter: Externe Verknüpfung www.jekely.net

Judith Schwentner, Dezember 2007 

 

 

Im März ist wieder Buchmesse in Leipzig, und Lilly Jäckl wird dort aus ihrem 2010 erschienenen Buch „amen amen" lesen - einer Sammlung kleiner und mittelgroßer, ausgezeichneter Texte: Erzählungen, Gedichte und Texte für die Bühne, illustriert vom Grazer Dieter Puntigam (siehe: http://www.belletristik-berlin.de/index.php?id=20). Für „amen amen" hat Jäckl 2010 auch das Literaturstipendium der Stadt Graz erhalten, ein schöner Preis, denn das Buch (erschienen im Berliner Verlagshaus J. Frank) fasst in fast symptomatischer Form die Vielfalt des Jäckel'schen Literaturschaffens zusammen. Und wer gerade nicht in Leipzig auf der Buchesse ist, sollte sich auf www.jekely.net rasch informieren, wann es wieder eine Lilly-Jäckl-Live-Performance dieser Texte gibt. Aber wer weiß: womöglich gibt es auch bald ihren Roman „Estoy Durmiendo" zu hören. Oder zu lesen. Und Jäckls Filmschaffen? „Sign O Time II" entsteht gerade.

 

Werner Schandor, Februar 2011