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Vorbeugen ist besser als Bohren (*)

Alfredo Barsuglia und die Mundhygiene in all ihren (künstlerischen) Facetten

Alfredo Barsuglia  © Martin Behr
Alfredo Barsuglia
© Martin Behr

Naschen und zugleich auch den Zähnen etwas Gutes tun: Was für viele ein Widerspruch ist, hat der Grazer Künstler Alfredo Barsuglia realisiert. Er brachte das „Oderfla"-Zahnpastakonfekt und die „Oderfla"-Zahnpastatorte auf den Markt. Letztgenannte wird als „sahnig und erfrischend im Geschmack" beschrieben und bietet zudem „höchsten Schutz vor Plaque und Gingivitis". Für Nicht-Zahnmediziner: Gingivitis ist eine chronische Zahnfleischentzündung.
Das Konfekt, welches den Zähnen „Schutz und Sauberkeit" bietet, gibt es übrigens in den Geschmacksrichtungen Erdbeere, Ananas und Kiwi. So macht vorbeugen Spaß. Und: Vorbeugen ist besser als Bohren.

Zahnheilkunde, Mundhygiene als Kunst: Mit dieser ungewöhnlichen Verknüpfung macht der 27-jährige Alfredo Barsuglia auf sich aufmerksam. Aber nicht nur.

Der Künstler bedient sich unterschiedlichster Medien und Themen: Ausgehend von einer naturalistischen Malerei hat Barsuglia, der von 1999-2003 Malerei und Grafik an der Wiener Universität für Angewandte Kunst (Prof. Wolfgang Herzig), der Akademie der Bildenden Künste (Prof. Hubert Schmalix) und der Krakauer Akademia Sztuk Pieknych (Prof. Andrzej Bednarczyk) studiert hat, mittlerweile auch Video, Installation und Skulptur in sein Schaffen integriert. Er realisiert konzeptuelle Werkserien (z.B. seine Paket-Arbeiten), greift mit seinem U-Bahn-Projekt für Graz in den öffentlichen Raum ein, betritt bisweilen das Territorium der Land Art, bietet Multiples zum Verkauf an oder bringt - wie erwähnt - ganze Produktserien zum Thema „Mundhygiene" auf den (Kunst-)Markt. Der Produktname „Oderfla" ist die Umkehrung seines Vornamens.

Auch in seiner Malerei und seinen Zeichnungen thematisiert Barsgulia immer wieder den intimen und ritualisierten Akt der Mundhygiene. Seine „Zahnseidemädchen" und „Mundwasserjungen" künden ebenso von technischer Perfektion wie von formaler Strenge und feiner Ironie. Alfredo Barsuglia erweitert in diesen Bildern ebenso wie in den Kinderporträts den aus der Kunstgeschichte bekannten Magischen Realismus zu einer postmodernen Sachlichkeit. Einer Sachlichkeit, die sich nicht auf das bloße Abbilden der Realität beschränkt, sondern über eingeschobene Ebenen (Überhöhung durch Separation und serielle Präsentation der Motive, skurril anmutende Erstarrung der Gesichter sowie ein feinnerviger Humor) Brüche aufweist. Wer diese Bilder sieht, muss erkennen, dass hier etwas nicht stimmt. Dass die Realität Schieflage erhalten hat. Wiewohl für manche schon das Erheben der Zahnpflege zu einem kunstwürdigen Thema ein Akt der Irritation darstellen mag.

Barsuglias Menschenbilder sind Chiffren, keine traditionelle Porträtdarstellungen: „Vor allen aber zeigt Barsuglia keine Individuen, sondern Platzhalter eines gesellschaftlichen Zustandes", schreibt Rolf Wienkötter in einem eben erschienenen Katalog, der gänzlich der Mundhygiene gewidmet ist: die Produktserie „Oderfla" reicht vom Zahnstocher bis zum Rachenspray, vom Zahnpastakonfekt bis zur Gebissreinigungstablette. Mit Präzision und Passion imitiert Barsuglia hier industrielle Produktion, während er in einem anderen Projekt den Wandel der Zahnmedizin in Los Angeles untersucht oder über das Medium Film eine quasi-pornografische Klammer zwischen Oralhygiene und Fellatio spannt. Mundhygiene ist vielseitig. Alfredo Barsuglia auch.


Martin Behr, November 2007  


Weitere Informationen:
Externe Verknüpfung www.AlfredoBarsuglia.com

Oscar Wilde war zweifellos ein schöner Mann. Geredet hat er darüber vermutlich nur selten. Lieber sprach er von der „Importance of Being Earnest". Alfredo Barsuglia sieht Mr. Wilde sogar ein wenig ähnlich. Und er spricht auch darüber: „The Importance of Being Beautiful" hieß die Personale mit Alfredo Barsuglias Arbeiten, die 2008 im Gironcoli-Museum von Schloss Herberstein zu sehen war. Einmal mehr fühlte der in Wien und New York lebende Künstler damit der Bedeutung der Schönheit im gesellschaftlichen Diskurs auf den Zahn. 2009 schloss Barsuglia die Klammer zwischen Schönheit und der von ihm immer wieder thematisierten Mundhygiene mit „You are never fully dressed without a smile" (Kunstverein das weisse haus, Wien 2009).

Das Thema Schönheit ist zum einen eine der inhaltlichen Konstanten in Barsuglias Werk geblieben, zum anderen hat es eine Erweiterung erfahren: In jüngeren Arbeiten thematisiert der Künstler neben der ästhetischen auch die räumliche Dimension der schönen Fassade - indem er Räume baut, ausstellt und ihre mit Bedeutung aufgeladene Oberfläche in Frage stellt. Am deutlichsten vielleicht in der 2010 im Salzburger Trakl-Haus gezeigten Installation „Escap[ad]e", wo sich hinter einer zerfetzten Tapete eine (gemalte) Raumflucht auftat, die den Blick in fiktive Fluchträume eröffnete.

Von 2008 bis 2011 konnte Alfredo Barsuglia im Rahmen von Einzelausstellungen unter anderem im Austrian Cultural Forum, Washington, D. C., ausstellen, für das er einen ca. 8 qm großen, aufgeräumten „Mobile retreat space" aus Spanplatten fabrizierte, weiters im Wiener MUMOK und im Wiener MAK zu sehen. Im Rahmen von Gruppenausstellungen waren seine Arbeiten unter anderem im ARTPLAY Design Centre Moskau oder im Bank Austria Kunstforum Wien zu sehen.

Werner Schandor, März 2011