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Danke fürs Aufwecken! (*)

Der Grazer Autor Stefan Schmitzer erweckt in seinen Gedichten die politische Lyrik zu neuem Leben.

Stefan Schmitzer © priv.
Stefan Schmitzer
© priv.

Stefan Schmitzer gehört zu den interessantesten jungen Dichtern aus Graz. Im Frühjahr 2007 ist sein erster Lyrikband, „moonlight on clichy", bei Droschl erschienen, im Herbst folgte der Erzählband „vier schuss" bei Leykam. Vor allem Schmitzers Gedichte sind von einem Ton getragen, den man hierzulande schon länger nicht mehr vernommen hat: Selbstsicher, lässig und dennoch sehr reflektiert leiht der Autor einem politischen Ich und seinem metrosexuellen alter Ego eine Stimme. Der 28-Jährige agiert dabei sprachlich souverän, arbeitet in Strophen mit Variationen und Refrains, mit Sprüchen, Pop-Zitaten und Bildern und erzeugt so einen eigenen Groove.

„[...] wir haben hier nichts zu melden wir sind nicht
unsere generation unsere generation das sind die jungs die
in frankreich die autos abfackeln und straßensperren legen [...]"

Politische Zusammenhänge poetisch zu benennen, ist das erklärte Ziel der 32 Gedichte von „moonlight on clichy". Bereits der Titel bricht mit dem romantischen Mondnachtklischee, das der Lyrik oft noch anhaftet. Das Clichy in Schmitzers Gedichten ist nicht mehr das der „Stillen Tage", sondern der Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, in dem vor wenigen Monaten Jugendliche ziellos den Aufstand probten.

„die banlieue als festung stell dir das mal vor die jungs
werden noch mal dazu kommen zu formulieren
was ihr klasseninteresse ist verstehst du genosse wir //
sind nicht unsere generation und die vorstädte brennen"

„Ein Gedicht ist für mich eine Laborsituation", sagt Schmitzer im Gespräch. „Ich kann darin die Bedürfnisse, Träume und Stimmen einfangen, die um mich herum sind. Ich erkunde zum Beispiel, was das für ein Biest ist, das aus Massenmedien zu mir spricht. Ich kann aber auch Posen einnehmen und mich selbst auf die Schaufel nehmen."

„[...] oder mister / was wären sie in nem hollywoodfilm über mich?"

Seine Vorbilder sieht der junge Grazer, der die Literaturschiene im Forum Stadtpark betreut und auch in der Grazer Jugendliteraturwerkstatt unterrichtet, in jenen Dichtern der 60er- und 70er-Jahre, die Poesie und Gesellschaftskritik verbanden: Peter Rühmkorf, Rolf Dieter Brinkmann, Peter-Paul Zahl, Reto Hänny und über allen Allen Ginsberg, der Ahnherr der Beat- und Pop-Poeten. Gleich wie Ginsberg versteht Schmitzer die Lyrik als politisches Instrument, als einen „Hebel, durch den man ins Traumleben, in die innere Bildwelten der Menschen vordringen kann."

„dann ist nacht, und ich habe hunger, sanften täubchen
hunger, und das essen wird geld gekostet haben, reproduktions
kosten, süße, verstehst du, irgendwo ist die gier
ein wesen geworden, atmet und träumt und so weiter [...]"

Schmitzer möchte mit seiner Lyrik verdeutlichen, dass der heutige Mensch im Charakter „stromlinienförmig deformiert" ist und sich zu wenig um die sozialen Bedingungen schert, unter denen viele leiden. Dazu greift der Dichter zu starken Bildern und fährt mit ihnen frontal aufs Publikum zu. Und das mit Erfolg. Im heurigen Frühjahr, so erzählt Schmitzer, habe er an einer dieser Lesungen teilgenommen, wo an 3 Tagen 14 Poeten auf 50 Zuhörer losgelassen werden. Nach seiner Lesung sei ein Mann aus dem Publikum zu ihm gekommen und habe gesagt: „Danke fürs Aufwecken!"

Werner Schandor, Oktober 2007

Bücher von Stefan Schmitzer: 

  • moonlight on clichy. Gedichte. Literaturverlag Droschl. Graz-Wien 2007
  • vier schuss. Erzählungen. Leykam Verlag, Graz 2007

Der Grazer Autor hat nicht nur weitere Bücher veröffentlicht, sondern sich auch aktiv ins steirische Kulturleben eingebracht. Von 2005-2009 war er Literaturbeauftragter im Forum Stadtpark Graz. Der ästhetische Ansatz, den er dabei forcierte, ist in der von ihm herausgegebenen Forum-Stadtpark-Anthologie „Text Performanz Text" festgehalten. Seit 2010 ist Schmitzer Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark. 2009 erschien auch sein Romandebüt „wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht" im Grazer Literaturverlag Droschl. Werner Krause schrieb darüber in der „Kleinen Zeitung": „Ein radikales, schonungsloses Buch mit virtuosem, musikalischem Sprachdröhnen - Powerpoesie."

2011 erscheinen ebenfalls bei Droschl Schmitzers zweiter Gedichtband „scheiß sozialer frieden" und „gemacht | gedicht | gefunden. über lyrik streiten", eine poetologische Streitschrift mit Helwig Brunner.

Weitere Infos: Externe Verknüpfung www.schmitzer.mur.at

Werner Schandor, Juli 2011