
Hölbling, Walter W.
Biografie

Walter W. Hölbling ist Leiter des Instituts für Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz und unterrichtet U.S.-amerikanische Literatur und Kultur. Er war Gastprofessor und Vortragender an U.S.-amerikanischen, japanischen und europäischen Universitäten. Zu den von ihm verfassten bzw. herausgegeben Büchern zählen Fiktionen vom Krieg im neueren amerikanischen Roman, What Is American? New Identities in U. S. Culture, ‘Nature's Nation' Revisited: American Concepts of Nature from Wonder to Ecological Crisis, U. S. Documentary Films on World War II and Vietnam, The European Emigrant Experience in the U.S.A., und Utopian Thought in American Literature. Seine Aufsätze behandeln Themen der postmoderne amerikanische Literatur, Immigrantenliteratur, der Rolle von Literatur im Informationszeitalter, dem Mythos der Kleinstadt in der amerikanischen Literatur, multi-kulturellen und post-kolonialen Fragestellungen, Rassismus im amerikanischen Süden, und dem Verhältnis von literarischen Erzählstrategien und Wirklichkeitsverständnis. Zur Zeit arbeitet er an einer Studie über österreichische Exilverleger der 1938er Jahre in den USA und gibt mit Kolleginnen zwei Aufsatzsammlungen zur Ikonographie der USA sowie zu praktischen Anwendungen von Theorie auf Literatur heraus.
Seine literarischen Texte sind auf Englisch und Deutsch in verschiedenen online- und Druckzeitschriften und in Sammelbänden erschienen. Etliche Lesungen in Österreich, Albanien, Bulgarien, Schweiz, Slowenien, der Tschechischen Republik und den USA. Zusammen mit Gabriele Pötscher veröffentlichte er 2003 bei der Steirischen Verlagsgesellschaft einen englischen Gedichtband mit dem Titel Love Lust Loss. Einige Gedichte daraus sind 2004 in Übersetzung in der bulgarischen Literaturzeitschrift Stranitsa erschienen. Ein weiterer gemeinsamer englischer Gedichtband, Think Twice, ist für 2006 geplant.
Leseproben:
after some grey days
comes the sun
summer heat
spectacle on the Seine
to commemorate
"La Route de l'Aramda"
a fleet for tourists
that never was
yet nice to watch
nevertheless
with fireworks
& stately masts
sails folded orderly
decks scrubbed
the crews all smiles
ready to answer
all the children's questions
in between
gray & inaccessible
some men-of-war
of more contemporary make
among them
somewhat tarnished
one single ship
that really carried
allied soldiers
in its sightless hull
on that gray morning
and suddenly
if only for a moment
you smell the sweat
of fearful courage
hear ammunition
click into magazines
the waves break dull
with hollow sound
amidst the crashes
of firework artillery
that split the waters
upward from the ground
befreiung
nach ein paar grauen tagen
sonne, sommerhitze
spektakel an der seine
"La Route de l'Armada"
ein geschwader für touristen
das es niemals gab
dennoch schön anzusehen
mit feuerwerk
und hochgereckten masten
die segel ordentlich gerafft
die decks geschrubbt
besatzung lächelnd
auskunftsfreudig
dazwischen
grau und unzugänglich
auch ein paar kreuzer
aus der gegenwart
schließlich auch
ein schiff
das wirklich
an dem grauen morgen
soldaten trug
in seinem fensterlosen rumpf
und plötzlich
wenn auch nur für einen augenblick
riecht es nach schweiß
nach angsterfüllter tapferkeit
patronen klicken in die magazine
die wellen schlagen dumpf
und feuerwerksraketen donnern
wie kanonen
wiedermalsoweit
wenn keine nacht
dem morgen weicht
städte ohne licht sich strecken
kleine biester glücklich wühlen
kinder ihre ängste leben
wälder zittern
berge beben
dann ist es wieder mal so weit
raketen donnern mit tödlicher fracht
sekundenblitze erhellen die nacht
soldaten schiessen
gräber spriessen
es ist krieg
wenn ein hungriges skelett
sich klappernd durch die gassen schleppt
eltern lautlos weinen
aus den gebeinen der toten
neuer tod erstrahlt
gekrümmte leiber
krankheit verbreiten
dann ist es wieder mal so weit
generäle befehlen strategischen kampf
metropolen zerbersten im wasserstoffdampf
schiffe sinken
flüsse stinken
es ist krieg
wenn der bäcker keine brote mehr backt
der fleischer sich den arm abhackt
der supermarkt geschlossen bleibt
im dorfteich eine leiche treibt
der hausarzt nur mehr jod verschreibt
dann ist es wieder mal so weit
vielleicht zum allerletzten mal
stürmen die krieger vom berg ins tal
stechen und hauen
sengen und brennen
ermorden die frauen
alle kinder sind tot
der mond leuchtet rot
die sterne verbleichen
wir zählen die leichen
solange wir können
es ist krieg
it’s time again
when no mornings
follow nights
cities lie without their lights
little beasts root happily
children can live all their fears
forest break
mountains shake
then it’s time again
rockets roar with deadly freight
sharp explosions rock the night
soldiers shoot
graveyards bloom
it is war
when scrawny skeletons
creep through the streets
parents weep
dead bodies radiate
new death
and crumpled shapes
spread more disease
then it’s time again
the general orders strategic attacks
and watches how the metropolis cracks
rivers stink
battleships sink
it is war
when the bakers bake no more bread
when the butchers chop off their hands
when the doctors’ only prescription is death
corpses float in the village pond
and supermarkets stay closed
24 hours a day
then it’s time again
maybe the ultimate time
for the warriors to storm from their heights
to the valleys to lance and destroy
they also kill women
all children are dead
the moon is all red
the stars are so wan
we are counting the corpses
as long as we can
it is war
distance
the world is slowing down
a mist of milky gossamer moves in
between
my will and things to do
the hard outlines of objects
are growing soft and dull
the moment's urgency
yields to my ponderings
of possible decisions
abstract rigidity arrests the words
things stay forever as they are
is it a sense of death
that delicately touches on my neck
and steals from me the comfort
of continuous change?
life seems to walk away
in long and measured stride
the kitchen clock has never been so fast
it measures time
from here up to the stars
it counts
and blows
the moments of my delicate eternity
one by one
into the past
abstand
die welt wird langsamer
hauchdünne nebelschleier schieben sich
milchzart
zwischen die dinge und mein wollen
die klaren kanten der objekte
werden stumpf und weich
die dringlichkeit der augenblicke
weicht meinem grübeln
über mögliche entschlüsse
worte gerinnen zu abstrakter starre
in der die dinge ewig unverändert bleiben
ist es ein todesahnen
das mir am nacken tastet
und mich für eine weile
des trosts der ständigen veränderung beraubt?
es scheint das leben sich
mit weiten schritten zu entfernen
die küchenuhr tickt lauter als gewohnt
sie mißt die zeit
von hier bis zu den sternen
ihr gang bleibt gleich
sie zählt
und bläst
die schleier meiner kurzen ewigkeit
sanft und bestimmt
in die vergangenheit
© WWH

