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Auf dem flachen Land (Kulturinitiative - Kürbis)

Von Wolfgang Pollanz

Theater im Kürbis © Kulturinitiative Kürbis
Theater im KürbisTheater im Kürbis
© Kulturinitiative Kürbis
 
 
 

Kultur aufs vermeintlich flache Land hinauszutragen, Anspruchsvolles abseits der urbanen Zentren anzubieten, dazu sind schon viele angetreten, einige sind daran gescheitert, andere haben aufgegeben oder halten sich mit Müh und Not über Wasser, indem sie sich dem beschränkt Lokalen anbiedern oder auf die Land auf, Land ab grassierende Eventitis setzen . Eine Kulturinitiative, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert permanente Arbeit leistet, die sich aus einer kleinen, ländlichen Gruppe von Kulturwilligen zu einem wichtigen kulturellen Faktor, der auch überregional wahr genommen wird, entwickelt hat, ist der Kürbis im südweststeirischen Markt Wies.

 
space © Kulturinitiative Kürbis
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© Kulturinitiative Kürbis
 
sommerkino © Kulturinitiative Kürbis
sommerkinosommerkino
© Kulturinitiative Kürbis
 
kindertheater © Kulturinitiative Kürbis
kindertheaterkindertheater
© Kulturinitiative Kürbis
 

Dort zwischen den Kukuruz-Monokulturen, Schilcher-Weinbergen und wirtschaftlich ums Überleben kämpfenden Ortschaften würde man an und für sich nichts vermuten, was kulturell jenseits der schon lange marginalisierten Volkskultur, die nur mehr ein historisierender Rückspiegel von vor langer Zeit lebendigen Entwicklungen ist, auch nur irgendwie bemerkenswert wäre. In der Tat ist es so, dass Anfang der Siebziger Jahre die ursprünglichen Gründer der Kulturinitiative Kürbis Wies - damals noch Kalendarium Wies, die Umbenennung erfolgte Ende der 80er Jahre - angetreten sind, um etwas wieder zu beleben, das vom Aussterben bedroht war, das bäuerliche Volkstheater. Aus dieser Gruppe von theaterbegeisterten Amateuren hat sich zunächst das Theater im Kürbis entwickelt, das neben der ursprünglichen Auseinandersetzung mit dem alten und dem neuen Volkstheater sein Spektrum nach und nach erweitert hat, neben dem traditionellen „Burgstaller Bauernkalender“, einem alle zwei Jahre im Innenhof des Schlosses Burgstall zu Wies stattfindenden Sommertheater, für das die Gruppe im Jahr 2002 den steirischen Volkskulturpreis erhalten hat, stehen heute Klassiker wie Nestroy bzw. Klassiker der Moderne wie Felix Mitterer, Dario Fo oder Ephraim Kishon ebenso auf dem Spielplan wie diverse experimentelle Versuche oder Uraufführungen junger zeitgenössischer Autoren, des weiteren werden und wurden Kabaretts, Musiktheater und diverse andere Theaterformen geboten. Zurückgreifen kann die Gruppe dabei auf einen Pool von Laiendarstellern und semiprofessionellen Akteuren und Regisseuren, die zum überwiegenden Teil aus der Region kommen, getreu der hauseigenen Programmphilosophie, das kreative Potenzial der Region auszuschöpfen, eine Philosophie, die unter anderem die Stärke dieser Kulturinitiative ausmacht.

Aus theaterbegeisterten Jugendlichen sind Programmmacher und Regisseure hervorgegangen, geschult in diversen Seminaren des Landesverbandes für außerberufliches Theater (LAUT) und durch die Teilnahme an verschiedensten Produktionen, aus ersten Gehversuchen auf den Brettern, die manch einem die Welt bedeuten, haben sich im Laufe der Jahre großartige schauspielerische Leistungen entwickelt, die keine Vergleiche zu scheuen brauchen und weit über das Niveau anderer Amateurtheater hinaus gehen. Ein weiteres wichtiges Standbein der Theatergruppe ist auch das Puppen- und Figurentheater. Hat die Gruppe zunächst seit den frühen 80er-Jahren selbst Produktionen dieses speziellen Genres erarbeitet, ist man nun seit mehr als 15 Jahren Veranstalter des Internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestivals mit dem Schwerpunkt Puppen- und Figurentheater „Sommertraumhafen", das seit dem Jahr 2005 auch ein wichtiges Modul von „Theaterland Steiermark" ist, und an dem jedes Jahr Gruppen aus Österreich und ganz Europa teilnehmen.

 

Was die eigentliche Stärke der KI Kürbis jedoch ausmacht, ist die Erweiterung des Programms von einem reinen Theater- zu einem Mehrspartenbetrieb, die etwa ab 1987 erfolgte. Seither werden neben den Theateraufführungen auch noch Lesungen, Konzerte und Ausstellungen geboten, es gibt einen eigenen Verlag, die „edition kürbis“ und seit 1999 auch das erfolgreiche Plattenlabel „pumpkin records“.

 

 
pumpkin © Kulturinitiative Kürbis
pumpkin
© Kulturinitiative Kürbis
 

Gleich eine der ersten Veröffentlichungen hat den neuen Kleinverlag über einschlägige Kreise hinaus bekannt gemacht, namentlich der Prosaband „Bei den schönsten Frauen der Welt“ des in Stainz lebenden, längst zu so etwas wie einem neuen Volksdichter avancierten steirischen Dichters Reinhard P. Gruber. Weitere Bücher von Andrea Wolfmayr, Mike Markart, Alfred P.Schmid, Anna Nöst, Werner Schandor und Martin Wanko folgten, darunter auch solch bibliophile Highlights wie Barbara Frischmuths Kinderbuch „Die Geschichte vom Stainzer Kürbiskern“ und der von Lilian Faschinger übersetzte Gedichtband „The emptiness between stars“ des blinden New Yorker Autors Stephen Kuusisto in einer deutsch-englischen Sonderausgabe jeweils in Schwarz- und Brailledruck, ein Modul des Projektes „sinnlos“ im Rahmen von Graz 2003 des ebenfalls in Wies lebenden Künstlers Wolfgang Temmel. Daneben hat sich die „edition kürbis“ auch auf die Herausgabe von Anthologien spezialisiert, bislang sind (zum Teil in Zusammenarbeit mit der steirischen Sektion der Grazer Autorenversammlung) Bücher zu so unterschiedlichen Themen wie Popmusik („Lauter Lärm“, 1994), Bahnfahren („Höchste Eisenbahn“, 1992), Essen („Menschen.Fresser“, 1996), Trinken („Siebenzehntel“, 1994), Science-Fiction („2001“, 2001), Weihnachten (Festes Froh“, 1996) oder Sex („SEX“, 1998, bzw. SEX, Volume 2, 2005) herausgekommen, die Palette der Autoren reicht von den Bachmann-Preisträgern Franzobel und Peter Glaser bis zum Wiener Autor und Herausgeber der Zeitschrift „Der Pudel“ Daniel Wisser, von Andrea Sailer bis Monika Wogrolly, umfasst also insgesamt eine beinahe vollständige Liste heimischer Autoren der jüngeren und mittleren Generation.

 
Hymnen © Kulturinitiative Kürbis
HymnenHymnen
© Kulturinitiative Kürbis
 
crosswalks © Kulturinitiative Kürbis
crosswalkscrosswalks
© Kulturinitiative Kürbis
 
heimat © Kulturinitiative Kürbis
heimatheimat
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film ab! © Kulturinitiative Kürbis
film ab!film ab!
© Kulturinitiative Kürbis
 
sex © Kulturinitiative Kürbis
sexsex
© Kulturinitiative Kürbis
 
laauter lärm © Kulturinitiative Kürbis
laauter lärmlaauter lärm
© Kulturinitiative Kürbis
 

Das Prinzip der Anthologie setzt sich auch in den diversen Releases des Pumpkin-Labels fort. Nachdem unter dem Titel „unten.sampler“ eine CD mit Beiträgen diverser lokaler Rockbands erschienen war (sozusagen als Ergänzung bzw. Dokumentation der eine Zeitlang vom Kürbis ausgerichteten und jährlich statt findenden Konzertreihe „Rock in der Tenne“), wurde als Beigabe zum Comic-Buch „Peter Sterner - Das Geheimnis seines Erfolges“ (edition kürbis, Band 19, 2000) von Werner Schandor und Roman Klug eine CD mit Beiträgen von 21 österreichischen Bands und Musikern produziert, die alle den gleichen im Buch vorkommenden Songtext vertonten.

Dem folgte im Jahre 2001 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um den damaligen Regierungswechsel die so schlicht wie provokant betitelte CD „Heimat“, auf der sich heimische Musiker aus dem Rock- und Elektronikbereich mit traditionellem alpenländischen Liedgut auseinandersetzten. Die Teilnahme von so illustren Namen wie Curd Duca, Roedelius oder Binder-Krieglstein war wohl auch der Grund dafür, dass die CD mit dem auffallenden, von Wolfgang Temmel gestalteten Cover überregional wahrgenommen wurde, was sich in Airplay auf FM4 und in diversen Besprechungen in überregionalen Medien äußerte.

Seither ist eine Reihe von Themen-CDs erschienen, zum ewigen Thema Liebe („LiebeSeXXXAmour“, 2002), der „Quer.Sampler“ („kwe:r“, 2003) im Rahmen des Graz 2003-Moduls „Sprachmusik“ mit Zusammenarbeiten von Musikern und Autoren wie etwa Günther Freitag mit den Lassos Mariachis, Martin Amanshauser mit Gelée Royale oder Bodo Hell mit Fast3, die CD „elvis lives“ als Beigabe zu „Das Buch Elvis“ (edition kürbis, Band 26, 2004) von Wolfgang Pollanz und Thomas Markart und zuletzt „HYMNEAN“ (CD pump 16-2005).

Zu den bekanntesten Veröffentlichungen des Labels zählt neben anderen auch noch die titellose CD des 15-köpfigen Wiener Musikerkollektivs „Thalija“ (die Musiker kommen ursprünglich zum Teil aus der Region), das zuletzt beim Donaufestival im Frühsommer 2005 sehr prominent gefeatured wurde.


„Unheimliche Patrioten“ hat der Kulturpublizist Bernhard Flieher in den Salzburger Nachrichten anlässlich einer Besprechung der CD „Heimat“ die Kulturmacher der KI Kürbis einmal genannt, „einer fortwährenden ideologischen Vereinnahmung des Begriffes ‚Heimat’ werden hier verschiedene Projekte als klar artikulierte Alternative entgegengehalten.“ Die Kulturinitiative Kürbis sieht sich selbst als Vermittler zwischen dem traditionellen öffentlichen Raum „Land“ und dem Zugang zu rezenten künstlerischen Strömungen. Versucht wurde dies unter anderem auch durch „Kunst im öffentlichen Raum“, eine Aktion, in der die Auslagen eines still gelegten Schuhgeschäftes im Ortskern zur Ausstellungsfläche wurden, neu gestaltet von den steirischen Künstlern Irmgard Schaumberger, dem inzwischen verstorbenen W.W.Anger, Klaus Schuster und Wolfgang Temmel, der die Reihe, die kunsttheoretisch von Werner Fenz begleitet wurde, auch kuratierte. Zur Zeit findet Kunst auch in den Räumlichkeiten des Theaters im Kürbis statt, der junge, aus Eibiswald stammende Künstler Gerald Naderer, gestaltet 2005 ein Jahr lang die Wände des Foyers.


Der Erfolg und die Akzeptanz der Arbeit der KI Kürbis zeigt, dass der eingeschlagene Weg zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft verbunden mit einem Prinzip der Offenheit und der Einladung an die Bevölkerung der Region eine Möglichkeit bietet, kontinuierlich und auf hohem Niveau auch am „flachen Land“ Kultur zu vermitteln, ohne auf den Import von städtischen Events, wie dies leider mancherorts gehandhabt wird, zurückgreifen zu müssen. Der Kürbis hat im Laufe der Jahre ein eigenständiges Konzept kreiert, das als Präzedenzfall für funktionierende regionale Kulturarbeit gelten kann.

 

Kontakt:

Externe Verknüpfung www.kuerbis.at
Externe Verknüpfung www.pollanz.com
e-mail w.pollanz@aon.at

Fon +43(0)3465 7038
Fax DW 11 (Kürbis-Büro)
 
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