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Heimo Ranzenbacher: land://art

Heimo Ranzenbacher

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Stichworte zu Medienkunst im ländlichen Raum

Für die technologische Kultur ist die Entgrenzung oder Dynamisierung der (sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen) Effekte bezeichnend, wenn Techniken in einen Verbund treten und ein Netz reziproker Bedingungen knüpfen, die nicht mehr auf einzelne technische Ursachen zurückgeführt werden können. Lokale Ursachen haben translokale Wirkungen und umgekehrt...

Die Entwicklungen der technologischen Kultur werden vor allem als Krisen wahrgenommen, wenn Neues im Vertrauten Platz greift oder Vertrautes sich als unbeständig erwiesen hat. Darüber hinaus wächst das Potenzial einer Krise mit der Kraft der Ignoranz, die gegen Veränderung gewendet wird; sie führt zu einem Überdruck. Kulturelle Veränderungen, die folglich in das Leben "explodieren", sind in der Regel katastrophal. Die Unmöglichkeit, Veränderungen (bei deren Explosion) zu ignorieren, ist immanenter Teil der Krise. Dabei handelt es sich immer auch um eine persönliche Krise, da mehrheitlich die Identifikation mit den Lebensumständen - Beruf, Familie, Wohnort - das Selbstverständnis, die Identität, prägt und kulturelle Explosionen meist zu einer Verletzung der Identität führen. So gesehen, ist die technologische Kultur eine Kultur der Krisen.

Allgemein gesprochen und die Steiermark im Blick, hat der ländliche Raum mehr als der urbane Raum Modellcharakter für die Entwicklungen der technologischen Kultur.

Dieser Modellcharakter führt sich auf den stärkeren Widerstand gegen kulturelle Veränderungen und die Explosivität der Auswirkungen zurück, was nicht zuletzt in einem Zusammenhang mit der statistischen Verteilung der Betroffenen steht. So etwa erleidet eine Stadt, deren Einwohnerzahl durch Abwanderung von 20 Jugendlichen unter 10.000 sinkt, stärkere wirtschaftliche Einbußen als eine Stadt mit 200.000 Einwohner, der 200 Jugendliche den Rücken kehren.

Medienkunst, in der sich Techniken zu ästhetischen Systemen verbinden, ist die Kunst der technologischen Kultur.

Wie das Translokale ist das Lokale integrierender Teil der technologischen Kultur. Deswegen ist der Rekurs auf das Lokale (wie das Translokale) in der Kunst der technologischen Kultur kulturell verbindlich - im Unterschied zur konventionellen Kunst, die primär der Hermeneutik ihrer Traditionslinien folgen muss, um sich nicht der für sie weitaus stärkeren Gefahr der "Provinzialität" auszusetzen.

Die Möglichkeit, lokal und zugleich kulturell verbindlich zu agieren, macht die Medienkunst zur bedeutendsten Kunstform für den ländlichen Raum.

Medienkunst ist im ländlichen Raum die Ausnahme. In der Steiermark gab von den 80-er Jahren bis 1993 mit den Künstlerpersönlichkeiten Richard Kriesche, Peter Gerwin Hoffmann und Gerfried Stocker verbundene Aktivitäten - 2000 Jahre Kunst (Eisenerz, 1982 - 84), Satellitenfest (Gröbming, 1989), ZEROnet (1992) ... ; u.a. durch die Steirische Kulturinitiative, die unterdessen in die Bedeutungslosigkeit geführt wurde.
Es gibt in Laafeld bei Bad Radkersburg den Externe Verknüpfung Kulturverein Pavel-Haus, dessen Programm zuweilen Medienkunst berücksichtigt, zuletzt Michael Petrowitschs Projekt "Schengenblick", 2003; es gibt in Gleisdorf den mit Martin Krusche verbundenen Verein für Medienkultur, Externe Verknüpfung kultur.at; und es gibt das für Judenburg konzipierte Projekt Externe Verknüpfung Liquid Music von Heimo Ranzenbacher, in dessen Rahmen seit 1998 Arbeiten im Bereich der Medienkunst realisiert werden.

Die Ignoranz gegenüber der Kunst (und) der technologischen Kultur ist im ländlichen und urbanen Raum gleichermaßen ausgeprägt. Im Vergleich zum ländlichen Raum sind die Vorzüge des urbanen Raumes für die Entwicklung der Kunst im statistischen Verhältnis der Alternativen begründet. (Das Nicht-Mehrheitsfähige findet im urbanen Raum immer noch eine interessierte Minderheit. Im ländlichen Raum ist diese Minderheit schon personifiziert.) Die Nachteile resümieren im Rauschen der Alternativen. (Die Anzahl der täglichen Angebote im urbanen Raum sind vergleichbar der Anzahl der Angebote in einer ganzen Saison im ländlichen Raum.)

Der ländliche Raum bietet für die Kunst der technologischen Kultur die Chance der besonderen, da nicht alternativ verrauschten Wahrnehmung. (Diese Aufmerksamkeit ist selbstredend egalisiert, auf das Einzelne im Wenigen zurückzuführen, nicht Gegenstand eines gesonderten Interesses.) Vorerst ist dieser Raum auch noch frei von einer Politik des Rauschens, die also den Pluralismus bis zur Bedeutungslosigkeit ausdünnt.

Diese besondere Wahrnehmung bedeutet eine Herausforderung und Verantwortung für medienkünstlerische Strategien. Auch sind die Chancen auf Erfolg, der sich nicht an einem Publikum, sondern an der Kultur des ländlichen Raumes bemisst, dadurch höher.

Herausforderung und Verantwortung müssen einerseits durch Formalisierungen "nach allen Regeln der Kunst" (soll heißen: ohne populistische Abstriche), andererseits durch deren mehrheitsfähige (soll heißen: so informativ wie mögliche) Vermittlung auf theoretischem Wege wahrgenommen werden. Ländlicher Raum bedeutet, ohne die mit dem urbanen Raum verbundene Illusion eines einschlägigem Wissensumfeldes zu agieren. Aus diesem Umstand leitet sich ein implizites Korrektiv ab: Von vorne beginnend, stößt man bei seinen Überlegungen zuweilen auf Schwachstellen, die sonst in Verführung durch den Jargon der Diskurse perpetuiert werden.

Als Kunst der technologischen Kultur hat Medienkunst im ländlichen Raum die Chance, eine Kunst des Widerstands gegen die Krisen der technologischen Kultur zu werden. Nicht, dass sie sich zur Krisenprävention oder –bewältigung eignete. Sie kann aber – vorsichtig gesagt – die Idee für die Notwendigkeit eines "Krisenbewusstseins" initiieren. Denn was die kulturelle Krise stimuliert, ist eigentlich ihr ureigenes Metier und konstituierende Eigenschaft – die Verbindung von Techniken zu Systemen (der ästhetischen Erkenntnis). Gegen den Überdruck der potenzierenden Ignoranz setzt sie die Kreativität.

Ästhetische Erkenntnis und Erfahrung gehen in der Medienkunst mit kultureller Erkenntnis einher, und eben diese Parallelität kann einen der Funktion eines Überdruckventils vergleichbaren Nutzen zeitigen: Medienkunst hat das Potenzial, eine Kultur des Widerstands gegen die Krisen der technologischen Kultur zu etablieren.

 
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