Navigation und Service

[Alt + 0] - Zur Startseite[Alt + 1] - Zur Suche[Alt + 2] - Zur Hauptnavigation[Alt + 3] - Zur Subnavigation[Alt + 4] - Zum Inhalt[Alt + 5] - Kontakt
Sie sind hier: 

Birgit Pölzl

Birgit Pölzl: LiteratenLeben

Die Einschätzung und Beschreibung der Lebens- und Arbeitssituation von LiteratInnen wie der Vermittlungsformen von Literatur und der Wertschätzung, die sie in der Öffentlichkeit erfährt, erfolgen im Folgenden aus subjektivem Blickwinkel: Eine, die schreibt und vermittelt, Literatur schreibt und vermittelt, reflektiert den Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsprozess von innen und ohne rigiden Anspruch auf Objektivität.

Vorweg: Wer sich in der Steiermark literarisch zu arbeiten entschließt, entscheidet sich für eine bescheidene, um nicht zu sagen asketische Existenzform, wenn er/sie ausschließlich tut, was er liebt, also schreibt. Wer sich für das Doppel Brotberuf und literarische Arbeit (oder für das Tripel Brotberuf, literarische Arbeit, Familie) entscheidet, braucht ein überdurchschnittliches Maß an Selbstdisziplin und eine überaus robuste Konstitution. Sonst heißt es Gürtel auf das Engste schnallen und/oder sich von Verwandten/Freunden unterstützen lassen.

 

Nun kann eine Gesellschaft und ihre politischen RepräsentantInnen diese Situation als naturgegeben betrachten oder in neoliberaler Logik - am besten auf Basis eines geschickt realisierten Sponsorings - jedem Literaten/jeder Literatin eine extra Portion Spurenelemente zur Konstitutionsoptimierung zukommen lassen oder sich für eine Entwicklung einsetzen, die jedem Schriftsteller, jeder Schriftstellerin tatsächlich die Wahl lässt, sich für eine freie Schriftstellerexistenz zu entscheiden oder nicht.

Für die Steiermark bedeutete das eine bessere Ausbalancierung der Förderungen von Vermittlungsinstanzen und der Direktförderung von LiteratInnen. Denn: Dass die Kreativen zunehmend finanzielle Sorgen beißen, während die Gefräßigkeit der Vermittlungsinstanzen gerade in Graz und in der Steiermark ständig zunimmt, kann nicht rechtens sein. Dass es Vermittlungsinstanzen und deren Subventionierung bedarf, steht außer Streit, dass Vermittlungsinstanzen die Subventionstöpfe fast zur Gänze leeren, mutet zynisch an. Sinnvoll erschiene in diesem Zusammenhang ein vielschichtiges und großzügiges Stipendien- und Fördersystem, positive Impulse setzten auch Künstlerwohnungen (plus Stipendium) in wichtigen europäischen Städten.

Neben der Aufwertung der Direktförderung setzten auch Änderungen auf der Vermittlungsebene selbst positive Impulse. So sollte es Literaturzeitschriften durch eine deutliche Anhebung der Subventionen möglich sein, adäquate Honorare für Textbeiträge zu zahlen, so sollte die Literaturverlagssituation in der Steiermark deutlich verbessert werden. Verglichen mit anderen Bundesländern ist die ohnehin triste Verlagssituation in der Steiermark besonders trist: Neben dem auf internationale Literatur spezialisierten Verlag Droschl gibt es mit der Steirischen Verlagsgesellschaft nur einen einzigen über minimale Mittel auf dem Belletristik-Sektor verfügenden Verlag, der zeitgenössische Literatur verlegt.

Keine Angst: das Lamentieren schwappt, auch wenn es in diesem schönen Land literarische Flügel zu verleihen scheint, nicht über. Zum Positiven also. Positiv zeichnet sich etwas, das ich vorsichtig als atmosphärische Aufhellung bezeichnen möchte, ab. LiteratInnen beginnen das Tote-Hosen-Image, das der zeitgenössischen Literatur in der Steiermark über zwei Jahrzehnte aufgestempelt wurde, durch ihre literarische Arbeit und ihre Präsenz in der Öffentlichkeit zunehmend Lügen zu strafen (ob das Tote-Hosen-Image überhaupt Berechtigung hat oder schlicht einem akademischen Bedürfnis nach Kanonisierung und Nichtkanonisierung entspringt, sei an anderer Stelle diskutiert) und stoßen auf wachsendes Interesse auf Seiten der RezipientInnen.

Ein Schlüsselerlebnis in diesem Zusammenhang war das Lesefest INGRAZ im Kulturzentrum bei den Minoriten, das in der Eröffnungsphase von „Graz - 2003“ LiteratInnen, die dem Toten-Hosen-Axiom gemäß völlig außer Acht gelassen wurden, versammelte und auf ein alle Erwartungen weit hinter sich lassendes Publikumsinteresse stieß.

Literarische Arbeit bzw. literarisches Arbeiten bedeutet konkret die Ausfaltung verschiedenster ästhetischer Konzepte: Es gibt in der Steiermark/in Graz keine ästhetisch begründete Gruppenbildung, die jener des Forum Stadtpark in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts entspräche.


Positive Impulse setzt auch das neu eröffnete Literaturhaus Graz in seinem Versuch Publikumsinteresse zu wecken und ein breiteres Publikum für zeitgenössische Literatur zu sensibilisieren. Das eklatante Missverhältnis in der Subventionierung Literatur vermittelnder Institutionen allerdings halte ich für bedenklich, führt es auf längere Sicht zu einer Monopolisierung, die wohl niemand ernsthaft wollen kann.

Positiv ist die Vielfalt und Qualität der Literaturzeitschriften, positiv die literarischen Milieus, die sich um diese bilden samt den Gefechten, Geplänkel und Diskursen, die sich die Lager um ästhetische Positionen liefern.

Auch auf die Gefahr hin erneut ins Lamentieren zu verfallen: ein kurzer Blick auf die Mediensituation. Dass der Rundfunk die Stelle von Heinz Hartwig, der Literatur mit hoher Sympathie und hoher Kompetenz konsequent förderte, nicht nach besetzt, ist mehr als ärgerlich, müssen sich die mit Literatur betrauten Redakteure auf Berichterstattung konzentrieren und auf die gerade für AutorInnen interessante Vermittlung von Primärliteratur verzichten. Die Kürzung der Honorare für Hörspiele um die Hälfte (!) kann angesichts der prekären Situation, in der viele AutorInnen leben, nur zynisch genannt werden. Der ORF müsste mit einem Wort viel stärker in seine öffentlich-rechtliche Pflicht genommen werden.

Etwas wie ein Silberstreif am Rezensionshorizont beginnt sich in der Literaturberichterstattung der Printmedien abzuzeichnen. Nach einer Phase der Nichtbeachtung gerade der neueren Entwicklungen, kam es im letzten Drittel von 2003 zu einer merkbaren Sensibilisierung gegenüber der jüngeren LiteratInnengeneration. Obwohl: ein ceterum censeo im Hinblick auf die Printmediensituation kann in diesem Zusammenhang nicht ausbleiben: Steiermark braucht eine Art Falter, eine Zeitung, die künstlerische Belange über alle Sparten hinweg auf Ankündigungs-, Rezeptions- und Diskussionsebene kritisch (selbst)ironisch bündelte (und auch ein interessantes Betätigungsfeld für SchriftstellerInnen darstellte).

 
  • socialbuttonssocialbuttons
    socialbuttons